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Sep 14 2012

Frau Panknin (1961)

Der nachfolgende Artikel aus dem ROTSTIFT Nr. 7 (Juni 1961) war ursprünglich als Anhang zum Beitrag über Gerda Schmidt-Panknin vorgesehen. Aufgrund der umfangreichen Ausführungen von Nicolaus Schmidt und der inhaltlichen Überschneidung einiger biografischer Details haben wir uns entschieden, auf diesen Artikel erst einmal zu verzichten. Bevor er aber ganz in Vergessenheit gerät und womöglich noch versehentlich gelöscht wird, veröffentliche ich ihn jetzt besser.


Zigeuner sind da!

»Von allen Kapplern freut sich sicherlich nur ein Mensch, wenn er diese Botschaft hört, und bedauert es im Gegensatz zu allen anderen, die erleichtert aufatmen, wenn es heißt, sie seien wieder fortgezogen. Unerklärlich schnell erreicht diesen Menschen jedesmal die Botschaft von ihrer Ankunft, und schon bald sitzt sie mit einem Zeichenblock auf den Knien mitten unter innen. ROTSTIFT Nr. 7 (Juni 1961)Die Zigeuner stören sich nicht an seiner Gegenwart, sie dulden sie wie selbstverständlich unter sich, sie freuen sich sogar über sie. Wir alle wissen, wer dieser Mensch ist: unsere Frau Panknin.

In der Tat liebt sie Zigeuner sehr, und neben griechischen Menschen sind sie das Hauptmotiv für ihre Holzschnitte, Gouache und Ölmalereien, die sie nach dem Unterricht in ihrer Kate in Ellenberg malt. Warum sie gerade Zigeuner und Griechen bevorzugt? „Ja, warum? Genauso gut könnte ich Sie fragen, warum Sie gerade diesen jungen Mann lieben, nicht den anderen“, antwortete sie. Um mit solchem Erfolg wie sie zu arbeiten – sicherlich wissen viele von uns nicht von ihren Ausstellungen u. a. in Lübeck, Offenbach, Paris, Berlin, München und ihrer Gesamtausstellung 1960 in Hamburg, bei deren Eröffnung der griechische Generalkonsul anwesend war – muß sie die Menschen, die sie darstellt, sehr gut kennen. In diesem Jahr wird Frau Panknin zum vierten Mal nach Griechenland fahren, nicht, wie es sich aus Berufsgründen gehörte, der Säulen wegen, sondern allein, um die Menschen zu studieren. Dann muß sie aber auch den Wunsch verspüren, über sie etwas auszusagen, und die Gestaltungskraft besitzen, die Aussage zeichnerisch darzustellen. Wie ihr dies gelingt, zeigt die Kritik aus dem Hamburger Abendblatt anläßlich ihrer Gesamtausstellung 1960 in Hamburg, die auch zugleich etwas über ihren Stil sagt:

Die Auseinandersetzung mit der Landschaft, insbesondere Griechenlands – und die mit dem menschlichen – und hier wiederum mit dem asozialen, vagierenden, abenteuerlichen Typ der Zigeuner, der Armen, der Bettler, ist ein hervorragender Wesenszug ihrer Malerei. Zigeuner, ihre Kinder, Griechen und griechische Landschaften waren die Hauptmotive. Wenn ihre Kunst auch noch durchaus gegenständlich bleibt, so versteht es die Künstlerin doch, in das Wesentliche der Dinge und Menschen einzudringen und vom Zufälligen und Persönlichen zu abstrahieren. Die Zigeunerkinder und -frauen, einzeln oder in Gruppen, sind erfreulich unsentimental aufgefaßt als naturnahe, mit ihrem Schicksal tief einverstandene Geschöpfe. Nichts ist maniriert an diesen Kompositionen, die ihre Geschöpfe wie schwebende Aolzaden von fast unwirklicher Eindringlichkeit auf der Bildfläche erscheinen lassen.

Wir dürfen aber nicht vergessen, daß Frau Panknin neben einer erfolgreichen Malerin auch noch unsere Zeichenlehrerin ist. 1920 wurde sie in Luchow, Kreisherzogtum (!) Lauenburg, geboren. „Wie gut, daß ich gerade in einem Jahr mit einfacher Jahreszahl geboren bin; dann fällt es mir nämlich nicht so schwer, mein Alter auszurechnen, wenn mich jemand danach fragt.“ 1938 machte sie bei uns an der Klaus-Harms-Schule das Abitur. Herr Dr. Bürgin und Frl. Jürgensen waren ihre Lehrer, bei Herrn Bieling hatte sie Zeichnen. „Er war immer sehr witzig in den Stunden. Wir mußten immer allerlei lebendes Viehzeug abzeichnen, das Herr Bieling mitbrachte: einen Dackel oder Hühner, manchmal hatte er auch eine ausgestopfte Krähe mit, die er alle zwei Minuten umdrehte, so daß wir wie die Wilden skizzieren mußten, um fertig zu werden, bevor er ihn wieder drehte. Schnelles Zeichnen haben wir dabei wenigstens gelernt. Außerdem schimpfte er jedesmal: Gerda, wenn du nochmal mit so‘nem schietigen Malkasten in die Stunde kommst, schmeiß ich ihn in die Schlei!“ Aber „eigenwillig und kräftig, wie sie damals schon war“, so meinte ihr ehemaliger Zeichenlehrer heute, „hat sie sich ja nie was aus meinem Geschimpfe gemacht“. Wirklich hat der Malkasten auch noch ein paar Jahre auf der Kunsthochschule in Bremen ausgehalten, die Frau Panknin nach dem Abitur besuchte.

Nach ihrem Examen Berlin arbeitete sie ein paar Jahre als freie Künstlerin und malte, was den Leuten gefiel. Die Hälfte der Zeit braucht aber ein freier Künstler, seine Bilder zu verkaufen, seine materielle Lage ist nie gesichert. Diese Unsicherheit paßte Frau Panknin nicht, außerdem konnte man die Zeit, in der sie nicht malte, nutzbringend ausfüllen. 1953 wurde sie darum nach bestandenem Examen als Studienrätin an der Klaus-Harms-Schule angestellt. Wie sich Beruf und Malerei vertragen? „Ich trenne beide voneinander. Ich fände die Schule sehr blöde, wenn es keine Schüler gäbe. Es ist nie langweilig für mich, die jungen Menschen für die Kunst zu begeistern, denn das ist ja die Hauptsache an musischen Fächern, daß sie Begeisterung und Freude erwecken an der eigenen schöpferischen Gestaltungskraft, an der anderer Menschen. Weil wir keinen Zensurendruck ausüben können, sind wir immer auf die freiwillige Mitarbeit der Schüler angewiesen, und die zu erwecken, ist bestimmt nie langweilig. Das Ziel meines Unterrichts? aus ROTSTIFT 7/1961Wenn ein Teil, wenigstens ein ganz kleiner, meiner Schüler verständnisvoll durch eine Ausstellung geht und die Bilder einigermaßen einordnen und begreifen kann, habe ich mein Ziel erreicht.“

Wir Schüler wissen wohl, meine ich, was wir an Frau Panknin als Kunsterzieherin haben. Wie schade, daß sie den meisten von uns als Malerin völlig fremd ist, ja, daß sogar einige nicht wissen, daß sie überhaupt selbst malt! Warum beachtet man neben der (ausgezeichneten?) Lehrerin die erfolgreiche Künstlerin an unserer Schule so wenig? Ist es für uns Schüler nicht ein Grund, stolz zu sein, bei einer international anerkannten Malerin Unterricht zu haben? Warum hängt man aber nicht wenigstens eins ihrer Bilder im Schulgebäude auf? Warum schenkt man den Abiturienten nicht einen von ihren Drucken zur Entlassung, der uns doch viel mehr sagen würde als der von einem Bettermann? Oder sollte auch bei uns der Spruch gelten, daß der Prophet im eigenen Land nichts gelte? Hoffentlich nicht!«

2 Kommentare

  1. schimming heinz-harry

    frau panknin war die tochter von meinem klassenlehrer otto schmidt
    otto schmidt wohnte auf der querstrasse in kappeln und Frau Panknin
    in der schmiedestr. gegen über dem heutigen Cafe „alte Schmiede“
    ganz oben im Haus

  2. Nicolaus Schmidt

    Lieber Achim,

    gut, dass Du daran gedacht hast. Dieser Artikel ist ein spannendes Dokument, er hat es verdient, wieder das Licht der Internet-Welt zu erblicken. Gerdas Sprüche sind klasse und die Redaktion hat damals mit der Zuspitzung auf die Zigeuner-Freundschaft einen wesentlichen Punkt gefunden.

    Nicolaus

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