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Sep 12 2014

Totempfähle

Vor 50 Jahren

Angestoßen, ermutigt und unterstützt von unserer Kunstlehrerin Gerda Panknin erschien am
12. September 1964 mein erster Artikel im SCHLEI-BOTEN.

Frau Panknin hatte in einem Vorgarten in der Friedrich-Hebbel-Straße einen Totempfahl und andere Gebilde entdeckt, die ihre Neugierde weckten und sie inspirierten, uns im Werkunterricht einmal eigene Totempfähle herstellen zu lassen. Außerdem fand sie, dass man über dieses Phänomen durchaus einen Bericht für die Zeitung verfassen könnte.

Da ich zwei Häuser weiter wohnte und den „Künstler“ gut kannte, legte sie mir nahe, es einfach mal zu versuchen. Gleichzeitig hatte sie wohl ihren guten Draht zum SCHLEI-BOTEN spielen lassen, denn als ich mit dem fertigen, sauber mit Schreibmaschine getippten Bericht und den Fotos die Redaktion im Dehnthof betrat, wurde ich dort sehr wohlwollend behandelt.

Mein Totempfahl aus dem damaligen Werkunterricht ist leider nicht (mehr?) auffindbar, aber auf einem meiner 60er-Jahre-Zimmerfotos habe ich ihn auf meinem Bücherbord entdeckt.

Totempfahl (1967)

Schnitzereien mit Fantasie und altem Holz
Das seltene Hobby des Erwin Grohs – Haus- und Gartenschmuck mit „tieferem Sinn“

SCHLEI-BOTE vom 12. September 1964

Kappeln (jg). Seit kurzer Zeit geht niemand mehr im Ortsteil Dothmark an dem Haus Friedrich-Hebbel-Straße 13 vorbei, ohne einen Blick in den Vorgarten zu werfen; denn dort fällt einem sofort ein farbenprächtiger Totempfahl auf, der an der Hauswand im Garten steht. Der Einwohner des Hauses ist der Postoberinspektor Erwin Grohs. Er ist 63 Jahre alt und verbringt seine Freizeit damit, daß er aus alten Baumwurzeln und anderem Holz Schmuck für sein Haus und seinen Garten fertigt, indem er es beschnitzt und bemalt.

SCHLEI-BOTE vom 12. September 1964Der Totempfahl z. B. ist ein alter ausrangierter Telegrafenmast. Erwin Grohs, der weit in der Welt herumgekommen ist und viel gesehen hat – er ist u. a. in Polen, Rußland, Italien, Spanien und Nordafrika gewesen – hat diesen Totempfahl aus seiner Erinnerung heraus einem Pfahl aus der Kultur der Inkas nachgestaltet. Er hat ihn aber mit viel Phantasie variiert. Mit herrlichen Öl- und Bronzefarben bemalt, zeigt der Pfahl die Entwicklung des Menschen. Die ganze Arbeit ist ohne festen Plan und ohne jegliche Vorlage entstanden. E. Grohs sagt, daß ihm das Malen nur Freude macht, wenn er von seiner Anschauung her gestalten kann.

Friedrich-Hebbel-Straße 13 (1964)Auf dem Pfahl findet man folgendes: Ganz oben: „Das Auge Gottes“, darunter: „Die Urzellen“, weitere Gebilde bedeuten: „Das Leben der Menschen ist kurz“, ein menschliches Gesicht im Übergang zur Totenmaske: „Der Mensch im Vergehen“ und schließlich Auflösung in einzelne Teile: „Von der Erde kommst du, zur Erde sollst du werden“. Dazwischen beobachten „Die Augen der Unterwelt“, ob Friedrich-Hebbel-Straße 13 (1964)Gott alles recht macht. Oben befindet sich an der rechten Seite des Pfahls ein kleiner blau-weiß-gestreifter Ast mit 3 Wurzelchen in den gleichen Farben. Diese Farben gelten Schleswig-Holstein. Vorne am Zweig sitzt ein kleiner Nebentrieb, der ganz zugespitzt, den „Zeigefinger Gottes“ bedeuten soll, der aus der Gegenwart hinaus den rechten Weg in die Zukunft weist. Weiterhin entdeckt man auf dem Pfahl ein kleines Holzstück. Dieses Holz, es ist übrigens Friedrich-Hebbel-Straße 13 (1964)versteinert, hat Erwin Grohs von einer Afrikareise mitgebracht. In schwarzer Farbe symbolisiert es: „Die Schlange der Versuchung“.

Ebenso sind die Pfortenpfähle des Gartens gestaltet, diese sind nichts weiter als ein der Länge nach gespalteter Telegrafenmast. Hier beginnt die Entwicklung der Menschen oben auf dem linken Pfosten und endet auf dem rechten in der Erde. Die Schlange und der Wegweiser sind hier zwar weggelassen, dafür sind aber die Zeichen: Alpha und Omega, „Der Anfang und das Ende des Menschen und der Welt“ hinzugefügt. Auf den Friedrich-Hebbel-Straße 13 (1964)Pfosten ragen etwa 20 cm lange Wurzeln in die Höhe. Sie sind in verschiedenen Farben gemalt.

Die Pforte selbst besteht aus einem in mehrere Teile gespaltenen Telegrafenmast, aus denen E. Grohs eine richtige Jägerzaunpforte hergestellt hat. Darauf prangt rotumrandet in goldenen Lettern der Name Grohs und darüber eine goldene 13, die Hausnummer. Auf der Innenseite leuchten wieder Zeichen und Gebilde mit tieferem Sinn, u. a. griechische und russische Friedrich-Hebbel-Straße 13 (1964)Buchstaben, die Lebewesen des Meeres und ein Kreuz auf einem geteilten Kreis, das als Symbol für die „Beschwörung der bösen Geister“ gilt.

Aus seinem Urlaub hat H. Buchholz, der Sekretär der Klaus-Harms-Schule, Erwin Grohs aus Bayern ein versteinertes Stück Holz, das sicher schon ein paar tausend Jahre alt ist, mitgebracht. Erst jetzt hat ein Gletscher am Watzmann, dem mit 2713 Metern höchsten GipfeI der Berchtesgadener Alpen, das Holz freigegeben. Grohs hat das Holz bearbeitet, mattiert und einen herrlichen Vogel geschaffen. Das Auge besteht aus Messing, soll aber noch durch einen goldgelben Stein ersetzt werden. Zur Zeit thront die kostbare Plastik jeden Tag auf einem mit Steinen und Muscheln beklebten Baumstumpf auf der Treppe des Hauses.

Dieses sind nur ein paar Beispiele aus dem Freizeitschaffen Erwin Grohs. Aber sie genügen schon, um deutlich zu machen, wie man mit Phantasie und etwas billigem Material, von dem die Natur genug bietet, seinen Feierabend sinnvoll gestalten und sich selbst genau wie anderen Freude schenken kann. Natürlich gehören vor allem Geschicklichkeit und künstlerische Fähigkeit zu solcher Arbeit.

5 Kommentare

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  1. Sabine Brunckhorst-Klein

    welch tolles Objekt der Vogel ist!

  2. Runa Borkenstein

    Wieder mal ein gemütlicher Abstecher auf unserer SZReise!

  3. Heino Küster

    Schöne Geschichte, Achim, was ist denn aus den Werken Grohs geworden?

    1. Wolfgang Jensen

      Genau das habe ich mich auch gefragt! Hoffentlich nicht als Feuerholz geendet.

    2. admin

      Siggi (Siegbert), einer der Söhne des Künstlers, schreibt mir: „Ich nehme an, dass alle Holzarbeiten nach dem Umzug in die neue Wohnung nach Kiekut im Container gelandet sind.“

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