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Mai 07 2020

Von Kiel nach Kappeln (2)

Von Kiel nach Kappeln

von Erich Thomsen

~ (2) Kappeln ~

In Kappeln wurden wir bei der Familie Hansen in der Adolf-Polmann-Straße untergebracht, auf dem Boden, der nicht ausgebaut war. Es war eben ein Behelf.

Es war Sommer und ich fand auch gleich Anschluss zu den Kindern auf Dothmark, so heißt dieser Stadtteil von Kappeln. Nebenan wohnte Klaus, er war in meinem Alter. Der Zaun zum Nachbargrundstück hatte eine Lücke, was sehr praktisch war. Klaus hatte noch eine Schwester, die wurde Püppi genannt und hatte rötliches Haar, sowie einen Bruder Fritz. Die älteren Geschwister kannte ich nicht.

In der Adolf-Pohlmann-Straße war auch der DRK-Kindergarten. Es war ein Holzhaus und innen war alles sehr klein – eben für die kleinen Kinder gestaltet. Wir waren mal drin und haben alles gesehen.

Mit den Jungs haben wir oft auf der Koppel vom Bauern Isaack gespielt, denn auf der Koppel war ein Teich und darin schwammen viele kleine und große Frösche, die wir zu fangen versuchten. Die Koppel lag direkt vor der Adolf-Pohlmann-Straße entlang der Arnisser Straße bis runter zum „Alten Krankenhaus“.

Ein Weg ging vom Kindergarten direkt in den alten Park vom Strandhotel. Hier konnte man auch prima spielen. Vor dem Strandhotel lag der Schleswiger Bahnhof und etwas weiter war die Anlegebrücke der „Blauen Dampfer Linie“. Wir haben alles durchstreift. Durch die Anlagen bis hin zum Kappelner Müllplatz.

Meine Cousine Jutta war aus Kiel zu Besuch in Kappeln. Bei Hansens wurde ein Fest gefeiert, weil der Sohn auf Urlaub gekommen war. Meine Eltern waren auch zum Fest eingeladen. Wir Kinder wurden zu Familie Jacobsen gebracht. Wir sollten im Turmzimmer der Wohnung schlafen. Die Wohnung von Jacobsens war oben im Kontorhaus der Getreide AG, wo Willi Jacobsen als Chef der Kornspeicher tätig war. Verwandt mit Hansens waren die Familien über die Frauen, es waren Schwestern.

Es war die Nacht vom 28. Juli 1940. Wir wurden aus dem Schlaf gerissen durch einen fürchterlichen Knall. Die Sirene heulte und auf der Straße schrien die Menschen durcheinander. Im Turmzimmer waren die Fensterscheiben zerbrochen. Wir haben uns im Dunkeln schnell angezogen. Jutta hat sich noch einen Glassplitter in den Fuß getreten. Wir wussten ja von Kiel, dass kein Licht gemacht werden durfte, aber das Zimmer war von draußen erhellt, denn das Holzlager brannte.

Mein Vater und Ernst Hansen waren durch die brennenden Holzbalken gelaufen und kamen keuchend bei uns an. Wir gingen alle in den Keller. Die Männer wollten aber zurück nach Dothmark. Auf der Straße trafen wir den Wachtmeister Puse. Er forderte uns auf, in den Treppenaufgang am Fährberg zu gehen.

So sind wir den Angriffen von Kiel entgangen und erlebten hier alles hautnah! Später erfuhren wir, dass der Müllplatz gebrannt hat und die Brücke als Ziel für die Bombenabwürfe sichtbar gewesen war.

Am Hafen war natürlich immer was los. So standen wir Jungs ein paar Tage später an der Brückenwaage, auf der die Fuhrwerke gewogen wurden und beobachteten die Aufräumarbeiten am zerbombten Haus. Wir hatten gehört, dass der Zöllner, der in jener Nacht, als das Gasthaus „Zur Börse“ getroffen wurde, seinen Dienst tat, tödlich getroffen wurde. Als wir nun alles interessiert beobachteten war es gerade so weit, dass man den noch stehenden Schornstein abriss, damit diese Gefahr beseitigt war.

Die Zeit auf Dothmark bei Hansens ging zu Ende. Wir bekamen auf dem Dehnthof bei einer Familie Jessen eine Wohnung. Vater Jessen war beschäftigt bei der TVA = Torpedo Versuchs Anstalt in Eckernförde. Mutti Jessen hatte über uns ihr Reich mit Rudi, der noch zur Schule ging. Mit Rudi habe ich viel gespielt.

Die Wohnung war geräumig. Zur Straße lag das große Wohnzimmer, das wir nie benutzten. Daneben war das kleine Zimmer, wo sich alles abspielte. Diese Fenster gingen zum Hof. Die Küche war gleich daneben mit einer Tür zum Hof. In den Schlafraum ging es über einen langen Flur, der das ganze Haus teilte. Das Schlafzimmer hatte die Speicheransicht. Ein halbes Fenster hatte die Sicht zu einer Ecke des Hofes, wo die beiden alten Pritschenanhänger standen. Diese gehörten dem Fuhrgeschäft Kock in der Poststraße. Für uns eine wunderbare „Spielwiese“, diese Flächen der Wagen. Die Mädchen haben hier im Sommer mit ihren Puppen gespielt.

Wir Jungs haben einmal Steckrüben ausgehöhlt und die eingeschnittenen Gesichter mit einer Kerze zum Leuchten gebracht. Auf den Pfosten der Hofeinfahrt haben wir diese (Gespenster)
gestellt und geglaubt, mit unseren greulichen Stimmen die Leute zu erschrecken.

In dem Speicher lebte Herr Benecke. Er hatte ganz oben im Speicher seine Hohlschleiferei und seine Wohnung. Hier wurde alles geschliffen und scharf gemacht. Scheren, Messer und auch die Schlittschuhe, die eben diesen besonderen Hohlschliff bekamen. Herr Benecke war auch uns gegenüber sehr hilfsbereit und freundlich.

Rudi und ich fragten Herrn Benecke mal, ob er uns nicht ein Maschinengewehr bauen könne. Wir brachten ihm das Holz, an dem wir schon herumgeschnitzt hatten und er baute uns an jedes Gewehr ein Zahnrad mit einer Kurbel daran. Ein ausgedientes Blatt einer Eisensäge hatte er so in das Holz getrieben, dass ein bewegliches, federndes Stück bis zum Zahnrad führte. Durch das Drehen der Kurbel wurde dieses Stück im Zahnrad von Zahn zu Zahn geführt und machte natürlich ein knatterndes Geräusch, das dem eines Maschinengewehrs „täuschend ähnlich“ war, glaubten wir. Es war eine zeitlang unser bestes Spielzeug. Der Hof war unser Kriegsschauplatz bis es langweilig wurde. Aber Herr Benecke war schon ein Meister.

Das Haus von Jessen lag neben dem schönen alten Haus von Plickert. Hier wohnte Walter Andresen mit seiner Mutter. Walter war ein Bastler und Schnitzer und wir waren oft zusammen bei ihm in der Wohnstube. Er hatte leere Nähgarnrollen rundum mit Stecknadelspitzen besetzt. In die Röhre der Rolle hatte er Kerzenwachs laufen lassen. Dann ein Weckgummi so mit einer Heftzwecke befestigt und durch den Wachskanal geführt, dass am anderen Ende eine Schlaufe des Gummis einen Bleistift aufnahm, den man jetzt drehte und das Gummiband dadurch spannte. Ließ man nun die Rolle auf den Teppich, lief sie los, wie ein Kettenfahrzeug. Es konnte sogar über ein Kissen klettern.

Walter hatte auch einen Baukasten von seinem Vater aus Schweden. Das Besondere an diesem Baukasten waren die verschiedenen kleinen Steine, mit denen man richtig mauern konnte. In Wasser angerührtes Roggenmehl ergab einen Brei, der die Steine zusammenklebte. Sein Vater hat ihm auch einen Bobschlitten geschenkt. Mit diesem Schlitten sind wir den Dehnthof runtergesaust. Der Schlitten hatte ein Steuer wie ein Auto und mit dem Steuer reagierten die Hufe. Eine Bremsvorrichtung gab es auch.

Die Kirchstraße und der Dehnthof waren unsere Spielstraßen. Ebenfalls die Kastanienallee. Wir waren doch eine ganze Anzahl Kinder. Gespielt wurde meistens am Sonntag, wenn sich alle trafen bei der Räucherei Mehl. Zum Beispiel: Treibball entlang der ganzen Kirchstraße, oder dieses Ballspiel „Halli Hallo“, oder wer fürchtet sich vorm „Schwarzen Mann“ oder „Umgedrehter Heringsschwanz“. Ganz toll war ja auch das Spiel „Schnitzeljagd“. Dieses Spiel dehnte sich aber aus bis zur Kirche, Rathausmarkt und Dehnthof. Die Zeit wurde vorher festgelegt und dauerte lange. Vielleicht stecken noch irgendwo versteckte Zettel.

Ein verbotener Spielplatz war der Schuppen an der Kastanienallee von der Gärterei Möller. Hier waren Sägespäne untergebracht, in die wir uns eine Höhle gruben und darin saßen. Heinrich Meyer, der nur Puke Laps genannt wurde und Rudi, genannt Boske und ich. Wir drei waren oft zusammen. Wir wollten auch Silke mit in die Hölle haben. Sie wollte aber nicht, weil ihre langen Zöpfe dann voller Sägespäne waren und es zu Hause Ärger geben würde.

Im Sommer verging fast kein Tag, an dem es nicht zur Badeanstalt von Michaelis ging. Zu Hause wurde schon die Badehose angezogen und mit dem Handtuch unterm Arm ging es barfuß den Dehnthof runter. Das Schwimmen brachte man sich selbst hei. Es war schon mutig, wenn man die kurze Strecke bis zum großen Balken schwimmen konnte. Es waren höchstens 3 Züge. Der Balken war immer belagert, man hielt sich hier fest. Der Balken wurde aber gerne von den größeren Jungen gedreht, so dass man sich nicht halten konnte. Das Sprungbrett war natürlich auch ständig besetzt. Die Höhe war je nach Wasserstand ca. 1,5 m. Nach dem Baden lag man im Sand und ließ sich von der Sonne trocknen.

Die Badeanstalt war an der einen Seite mit einem Bretterzaun abgegrenzt. Von hier aus kamen erst einmal Kabinen für Erwachsene und dann für die Kinder. Drei Brücken führten ans Wasser. Die letzte Brücke war für Erwachsene und hier lagen auch einige Ruderboote, die man mieten konnte. Von Michaelis wurde uns immer gesagt, in welche Richtung man rudern sollte, weil die Strömung der Schlei nicht zu unterschätzen ist. Es musste die erste Strecke gegen die Strömung gerudert werden. Bei der Rücktour, wenn die Kräfte nicht mehr so stark waren, konnte man sich treiben lassen. An Land gehen war nicht erlaubt.

Die zweite Brücke war für Streckenschwimmer. Zwischen dieser und der ersten Brücke, die auch zum Sprungbrett führte, lag das Nichtschwimmerbecken. Hier war die Wasserhöhe von knietief bis brusttief. Die Strecke ging übers tiefere Wasser bis zum erwähnten Balken. Michaelis saß meistens auf dem Handlauf der Brücke und beobachtete die Badenden, um sofort helfen zu können, wenn ein Unfall eintreten würde. Wir fühlten uns sicher aufgehoben und hatten immer viel Badespaß.

Parallel hinter den Kabinen führte die Eisenbahnstrecke nach Flensburg. Nur getrennt durch einen schmalen Fußweg von der Badeanstalt. Unfälle sind nie passiert, die Bahn machte sich immer laut bemerkbar.

Übrigens habe ich hier mein Freischwimmerzeugnis gemacht. Das war am 31. August 1946 als Schüler der Volksschule hei Lehrer Lüdtke.

Aber soweit ist es noch nicht.

Erst kam ich 1940 in die 2. Klasse bei Fräulein Marten. Sie war eine gutmütige Lehrerin. Ich besinne mich besonders an das Lied: „Fuhrmann und Fährmann“, was wir bei ihr lernten. Sie hatte einen Wackelgang. Im nächsten Schuljahr bekamen wir Fräulein Tank, die zog ihr Bein etwas nach. Die beiden wurden nur Hink und Hopp genannt und wohnten gemeinsam im Flensburger Bahnhot. Meine Zeugnisse wurden mit der Zeit schlechter, warum weiß ich nicht.

In der 4. Klasse hatten wir Papa Schmidt. Er war ein strenger Lehrer, spielte Geige und schwärmte für die Hermann Löns-Lieder. Wenn er Geburtstag hatte, brachten einige Zigaretten mit. Weil mein Vater selbst rauchte, konnte er von mir keine kriegen.

Nun war das 1. Halbjahr der 4. Klasse vorbei, dies war lt. Zeugnis im Februar 1943.

Lange war ich dann nicht mehr in Kappeln dabei, denn wir zogen um nach Gotenhafen…

3 Kommentare

  1. Heino Küster

    Lieber Achim, wäre doch schade, die Fortsetzung wegzulassen. Ich denke fehlende Kommentare sind nicht mit Desinteresse gleichzusetzen ;-)

  2. Konrad Reinhardt

    Und wie ging es weiter? Ich bin in Gotenhafen geboren.

    1. admin

      Ich weiß. Du hast es hier schon berichtet.
      Wenn mir nichts anderes mehr einfältt, werde ich die (zurzeit 44.477) Kommentare ausmisten und aus essentiellen Geschichten eigenständige Beiträge machen oder sie direkt in die jeweiligen Beiträge übernehmen. Es geht sonst einfach zu viel unter.
      Was nun diese Geschichte anbetrifft, habe ich mir gerade noch einmal die Gotenhafen-Episode durchgelesen und denke, dass ich sie angemessen aufbereiten und hier veröffentlichen könnte.
      Weil aber dort natürlich keine bekannten Örtlichkeiten oder Geschäfte vorkommmen, war eine Fortsetzung eigentlich nicht vorgesehen.
      Und die fehlende Resonanz hat mich darin bestärkt, mir diese relativ aufwendige Arbeit zu ersparen.

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