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Mai 21 2020

Von Kiel nach Kappeln (3.2)

Von Kiel nach Kappeln

von Erich Thomsen

~ (3.2) Gotenhafen ~

Einmal mussten wir in ein Jugendlager in der Kaschubei. Von Gotenhafen fuhren wir mit dem Zug. Ich weiß den Ort nicht mehr, aber es ging noch eine ganze Strecke mit Tornister im Gleichschritt und durch einen Wald bis zu einer großen Lichtung. Hier standen, wie ein Hufeisen angeordnet, Holzhäuser in denen wir jeweils zu 8 Personen untergebracht wurden. Eine große Baracke war davor platziert, in der die Wirtschaftsräume und der große Speiseraum untergebracht waren. In einem Rondell vor der Baracke stand der Fahnenmast, an dem morgens die Flagge gehisst wurde.

Für die Nacht wurden Wachen zu zweit aufgestellt, die ihren Rundgang zu machen hatten. Ich muss sagen, dass ich doch Schiss hatte, mitten im Waldgebiet. Vor allen Dingen wurden ja die schaurigsten Erlebnisse von den anderen erzählt. Von Wanzen in den Hütten, die sich nachts von der Decke fallen ließen und andere Märchen.

Nach dem Morgenlauf wurde barfuß im Rasentau angetreten zum Flaggengruß. Das Beste war das Frühstück. Dicke Scheiben Brot mit Marmelade oder Honig. Das Exerzieren und was noch dazu gehörte, war nicht so mein Fall. Abends musste man abwechselnd Berichterstatter oder Nachrichtensprecher sein. Ein paar Stichpunkte musste man in Sätze kleiden und vortragen.

Den Auffangtrichter für das Luftbüchsenschießen und die Luftbüchsen hatten wir mitgebracht. Das machte Spaß und die entsprechende Sicherheit wurde gelehrt, ebenso das Waffenreinigen und der theoretische Unterricht über Flugbahn eines Geschosses und der berühmten Seelenachse.

Natürlich gehörte Bettenbauen, Stubenreinigung, Urtiformsäubern und die eigene Sauberkeit an der Pumpe (mit einer Hand voll Wasser) dazu. Es ging alles militärisch zu. Wir übten auch das Grüßen gegenüber Offizieren der Wehrmacht und der Kriegsmarine. Drei, vier Schritte vor dem Vorbeigehen die Hand in Augenhöhe mit gestrecktem Arm, den Kopf in Richtung des zu Ehrenden, die andere Hand gestreckt an der Hosennaht. Das ganze natürlich nur, wenn man selbst Uniform trug. Hier hieß der Gau: Danzig Westpreußen.

Einige Ausflüge mit den Eltern, die noch gut in der Erinnerung sind. Einmal sind wir von Gotenhafen über Adlerhorst nach Zoppot gewandert und trafen Vaters Lehrer Ramcke als Landser. Das war schon ein Zufall.

Mit Vaters Schwester, die mal auf Besuch war, sind wir nach Danzig gefahren und haben die Altstadt besichtigt. Das Krantor und die Marienkirche auch von innen. Hier ist, wenn man auf den Altar zugeht, auf der rechten Seite ein riesiger Stiefel aus Buntglasfenster, der bis übers Knie reicht. Tante Emmi sagte zu mir: Daher kommt das Sprichwort: „De leeve Gott schall mi in Stebel schieten“. Nun wusste ich das auch!

Eine Tour ging durch den Wald über Heideflächen bis nach Gotenhafen. Ein heißer Tag, die Luft flimmerte. Es waren etwa 6 km. Wir kamen am Strand in Gotenhafen an, gingen über den Adolf-Hitler-Platz, wo die beiden Kanonen stehen, zum Bahnhof. Bis Kielau war nur eine Station. Zu Fuß bis nach Haus etwa 800 m.

Nun waren wir in Cissau, wo wir wohnten. Eine Wiesenwanderung ging über die Bahngleise (hier passierte mir das Missgeschick mit dem Ahsaugwagen) in Richtung Oxhöft und zurück. Zum Strand in Gotenhaf.en waren wir auch manchmal. Es war ein breiter Strand unterhalb der Steilküste.

Eine andere Geschichte war die Gelbsucht. Man sprach von der asiatischen Gelbsucht. Ich lag quittegelb und mit Fieber im Bett und musste nach Gotenhafen ins Krankenhaus. Ich hatte schon ein paar Tage dort gelegen, als es Fliegeralarm gab. Wir wurden von den Stationen runter in den Kellertrakt gebracht. Ich lag auf einer doppelten, fahrbaren Bahre oben, unter mir ein etwa 4-jähriges Mädchen.

Als wir aus dem Fahrstuhl in die Halle kamen, gab es einen fürchterlichen Knall. Die Eingangstür des Portals und die Wand mir gegenüber stürzten nach innen und begruben einige Krankenschwestern und Ärzte. Ich flog von der Bahre, schnappte mir das Mädchen und lief mit ihr auf dem Arm immer weiter in den Kellergang hinein. Es war eine spontane Reaktion von der Angst getrieben.

Wir wurden dann betreut und kamen nach Klein-Katz, wo wir in eine Station ausgelagert wurden. Meine Eltern wussten nicht, wo ich abgeblieben war. Das organisatorische musste ja auch erstmal wieder hergestellt werden.

Im Nebenbett wurde ein Junge in meinem Alter eingeliefert, der hatte Tollkirschen gegessen und war verwirrt, sprach Unsinniges und hatte Schaum vorm Mund. Am nächsten Tag war aber alles wieder gut mit ihm und man konnte sich normal unterhalten.

Wir beide haben ab und zu Mullbinden, die aus der Wäscherei kamen, mit einer hierfür konstruierten Vorrichtung aufgewickelt. Das Ende mit den beiden Bändern zum Befestigen wurde als erstes auf die vierkantige Welle gewickelt. Einer drehte langsam die Kurbel, der andere hielt die Mull- oder Leinenbinde straff, damit sie sich gleichmäßig aufrollen ließ. Unsere Krankheiten hatten wir schon vergessen.

Mein Appetit war noch nicht wieder so gut. Am liebsten mochte ich Saft trinken. Einmal hatte ich Appetit auf Spinat. Als ich ihn probierte, war er aber nüchtern und schmeckte mir nicht. Wahrscheinlich durfte ich bestimmte Gerichte und Gewürze nicht essen. Bei Gelbsucht ist einem auch immer übel zuwege und man muss viel spuken, obwohl nichts kommt.

Bisher hatte Gotenhafen keine Luftangriffe gehabt. Der Krieg kam immer näher. Aber durch die Werften und den Hafen waren doch militärische Ziele vorhanden und die Bevölkerung gefährdet. Zur „Deutschen Werke AG“, wo mein Vater auf dem Prüffeld arbeitete, bin ich gerne hingefahren. Mit dem Bus fuhr ich nach Gotenhafen rein, ging an den großen Markthallen vorbei bis zur Werft. Beim Pförtner musste ich mich melden, der meldete mich an und ich konnte passieren.

Bei meinem Vater war es spannend. Im ganzen abgegrenzten Bereich des Prüffeldes waren an den Wänden riesige Volt- und Ampermesser, aufleuchtende KontrollIampen. Große Elektromotoren standen herum, angeschlossen an Kabeln, um Fehlerquellen durch Messen aufzuspüren und zu beseitigen. Die Anker der Motoren hatten eine entsprechende Größe und konnten nur mittels Winden tranportiert werden. Gleich im Nebenhereich war die Ankerwickelei. Wenn also geprüft war, wo der Fehler und in welchen Windungen die Drähte beschädigt waren, wurden die Anker neu gewickelt.

Einmal hatte ich zwei isolierte Griffe, die auch noch gegen die Handrücken geschützt waren, in die Hand genommen und die blanken Kupferspitzen zusammen geführt. „Peng!“ Der Kurzschluss war perfekt. Das Prüffeld dunkel und der Hauptschalter war herausgeflogen. „Mensch Jung, wat hest du dor mokt“ sagte Vater aufgeregt. Nachdem alles wieder eingeschaltet war, bekam ich erst einmal eine Belehrung.

Mit den Spitzen wird der Stromdurchlauf geprüft und der Widerstand zwischen den verschiedenen Windungen festgestellt. Ein Plan gibt für jeden Motor an den entsprechenden Stellen Werte an, die erreicht werden müssen: Ich war froh, dass es ohne Schimpfe abging. Der Schrecken genügte mir. Dass ich keine Drähte mit den Fingern berühren durfte, wusste ich. Mein Vater war ja Elektriker.

Wir haben das Jahr 1945. Mein Vater hatte Schiffskarten für die Wilhelm Gustloff. Ein Bauer wollte uns mit seinem Pferdefuhrwerk zum großen KDF-Dampfer nach Gotenhafen reinfahren. Wir saßen in der Wohnstube auf gepackten Sachen und warteten auf den Bauern. Mein Vater hatte ein ungutes Gefühl. Es war natürlich eine Trennung, denn er musste ja an seinen Arbeitsplatz zurück.

Der Bauer konnte die Strecke nicht noch einmal fahren. Die Schneeverwehungen waren so hoch, dass er nur mit letzter Kraft seine Familie zum Schiff bringen konnte. Wir waren froh, ganz besonders Vater. Nun war es also entschieden, dass wir abwarten mussten, wie sich alles weiter entwickelte.

Die Nachrichten waren ja immer noch positiv, aber die Wirklichkeit war anders. So kamen eines Tages Soldaten, die in die Chausseebäume, etwa in Kopfhöhe, 10 cm breite Kerben sägten. Es wurde erzählt, dass dort die Sprengladungen hineingelegt werden sollten, um die Bäume als Panzersperren zu benutzen.

Auf der Chaussee in Richtung Neustadt kamen jetzt schon öfter Wagentrecks aus Ostpreußen. Man hielt am Milchgeschäft an, um Lebensmittel zu kaufen und man berichtete von unterwegs. Der Krieg wurde jetzt schon auf deutschem Boden ausgetragen.

Deutsche Soldaten hatten das Schlafzimmer von Schröders beschlagnahmt und die Nachrichtenleitstelle eingerichtet. Dadurch erfuhren wir, dass der Russe schon vor Danzig stand. Auf der anderen Seite kam der Russe von Neustadt heran. Also waren wir eingekesselt. Wir kauften beim Bäcker Meßmer, etwa 500 m in Richtung Kielau, einen ganzen Sack Brot. Wir waren entschlossen, zu bleiben.

Das Geschützfeuer war schon deutlich zu vernehmen. Auf der Chaussee lief nichts mehr. Die Trecks, die kürzlich erst in Richtung Neustadt fuhren, kamen aus dieser Richtung zurück, weil es kein Durchkommen mehr gab. Aus Richtung Gotenhafen kamen immer neue Fuhrwerke hoch bepackt und so gab es diesen Riesenstau. Die Wehrmacht sorgte dafür, dass die Straße nicht blockiert wurde, um mit den Wehrmachtsfahrzeugen beweglich zu bleiben. Unsere Wohnung war auch Aufnahme für Übernachtungen. Überall auf dem Flur, Küche, Bad lagen Leute der Wehrmacht.

Mein Vater hatte durch seinen Kontakt mit der Marine, hinsichtlich der Schiffsmotoren, mit einem Offizier gesprochen, der die Zusage machte, uns in seiner Kajüte aufzunehmen.

Nun ging alles sehr schnell! Alle mussten so viel Zeug wie möglich anziehen. Nur eine kleine Tasche mit dem Nötigsten durfte mitgenommen werden. Die Kinder mussten auf die Frauen verteilt werden, weil ledige Frauen nicht berücksichtigt werden konnten. Frau Ebel, unsere Nachbarin, bekam von Schröders zwei Kinder ab. Wir waren ja zu zweit.

Die Wehrmacht organisierte ein Fahrzeug, da war der Kontakt zu den Leuten vom Nachrichtendienst schon günstig für uns. Alle stiegen über die Klappe des LKW von hinten auf die Ladefläche. Ich konnte mich noch von Stacha verabschieden und gab ihr noch aus dem Milchgeschäft, was sie tragen konnte. Wir konnten nur noch winken und ab ging es nach Gotenhafen direkt vor das Werktor.

Wir waren gerade abgestiegen, da ging die Sirene und wir mussten in den nahen Bunker. Auf dem Werksgelände mussten wir immer im Schutz der Häuserwäride weiter bis zu Vaters Arbeitsplatz. Dann ging es zum Kai, wo das „Schulschiff Fuchs“ lag. Wir kamen durch die Menschenmassen, die sich am Hafen eingefunden hatten, zum Schiff. Vater übergab uns dem Offizier, der uns in seiner Kajüte unterbrachte. Es war natürlich sehr eng. Wir Kinder verteilten uns auf und unter dem Schreibtisch. Das Schiff musste nun noch zum Kohlenbunkern in ein anderes Hafenbecken.

Mein Vater stand am Kai mit der Rotweinflasche im Arm, die er zum Geburtstag bekommen hatte, denn heute war der 13. März 1945, sein Geburtstag! Er war ja dienstverpflichtet und musste an seinen Arbeitsplatz zurück. Man muss nicht glauben, dass alles so spurlos an Mutter abgelaufen ist, aber die Umstände ließen auch keine Zeit für trübsinnige Gedanken.

Das Leben an Bord war für uns Kinder schon spannend. Von Vater wusste ich, dass unser Schiff die Aufgabe hatte, einen größeren Schiffskonvoi von Gotenhafen nach Rostock zu begleiten. Die Frauen hatten sich Aufgaben übernommen und waren froh, nicht im Gemeinschaftsraum kampieren zu müssen. Das Schiff war mit Flüchtlingen ausgelastet. Nur die Marinesoldaten liefen mit Schwimmwesten herum.

Ich hatte mich eines Abends auf eine Luke über dem warmen Maschinenraum gelegt und war eingeschlafen. Es gab eine Aufregung, bis mich ein Matrose fand und rief: „Hier liegt einer“. Meine Mutter war froh, dass ich nicht über Bord gegangen war. Wir brauchten, mit dem langsam fahrenden Dock und dem Lazarettschiff, sowie Schiffen mit Proviant und jeder Menge Flüchtlinge an Bord, acht Tage bis Rostock.

Einmal hatten wir einen Fliegerangriff in der Nacht. Unsere Vierlingsflak, das einzige Geschütz auf unserem Schiff, war im Einsatz. Am anderen Tag waren die Matrosen dabei, aus der Ostsee eine Kiste mit frischer Butter und anderen Lebensmitteln zu fischen. Die Ernährung war gesichert und reichlich. Einen Zwischenstop gab es noch in Swinemünde, dort mussten wir Kohlen übernehmen.

Wir waren in Rostock angekommen, also dem Kessel Gotenhafen entronnen. Wir gingen jetzt zu Fuß vom Hafen zum Bahnhof. Unterwegs gab es aber noch Alarm und wir mussten einen Bunker aufsuchen. Die Schröders fuhren bis Lübeck, wo die Schwester von Frau Schröder mit ihren beiden Söhnen von Danzig-Langfuhr aus hingeflüchtet waren.

Wir sind alle gut in Kiel angekommen. Oma und Opa waren nicht zu Hause. Wir konnten bei der Nachbarin auf Oma warten. Man muss sich vorstellen: Oma und Opa hatten von uns lange nichts gehört. Sie waren der Meinung, wir wären mit der Gustloff gefahren. Die Nachricht vom Untergang hatte sich herumgeprochen. Es war für Oma und Opa eine traurige Tatsache. Aber die Hoffnung auf Rettung war noch geblieben.

Das war eine Freude und eine riesige Überraschung. Es wurde sich umarmt und erzählt. Wir waren froh, die Strapazen hinter uns gebracht zu haben. Nun war noch die Sorge um Vater. Wir konnten nur abwarten, denn es gab ja auch keine Post.

Eines Tages im April stand er vor der Tür. Er hatte es geschafft, mit einem Schiff über Dänemark und weiter nach Kiel zu kommen.

In Kiel hatten wir es wieder mit den Bombenangriffen zu tun. Eine Bombennacht war besonders schlimm. Im Nachbarhof war eine Luftmine detoniert und hatte den alten Südel, der an Krücken über den Hof ging, in den Tod gerissen. Bei Oma war eine Verwüstung entstanden. Die Druckwelle war erheblich und es waren Schäden vorhanden. Die Fenster kaputt, die Standuhr lag der Länge nach im Zimmer und merkwürdiger Weise waren die Gläser der Uhr heil geblieben. Wichtig war, dass alle gesund und munter waren.

Vater hatte seine Fühler wieder nach Kappeln ausgestreckt. Er kam mit der Botschaft, dass wir in Kappeln im Hinterhaus von der Buchhandlung Kock wohnen könnten.

1 Kommentar

  1. Wolfgang Dieckmann

    Unbedingt weiter erzählen,ich bin 1949 in die Grundschule bei Frl. Tank eingeschult worden.

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