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Jun 09 2020

Von Kiel nach Kappeln (4.2)

Von Kiel nach Kappeln

von Erich Thomsen

~ (4.2) Kappeln ~

Inzwischen konnten wir in die Schmiedestraße 37 umziehen. Unsere Möbel vom Dehnthofer Lagerplatz kamen nun endlich wieder zur Geltung und zum Gebrauch. Unsere Wohnung war früher die Gastwirtschaft Breckenfeld.

Die Tochter Ille Breckenfeld wohnte im ersten Stock zusammen mit ihrem großen Schäferhund und einigen Hühnern. Außerdem wohnten hier auch die Junggesellen Hans Koltermann und Hans Moldenhauer. Moldenhauer hatte ein Bein im Krieg verloren. Er hatte mit Ille ein Verhältnis, das auch noch Folgen hatte: „Ein Mädchen.“ Frau Lindthüber wohnte in einem Zimmer neben den Junggesellen. Dann war da noch das Ehepaar Groth. Nun war die erste Etage voll.

Eine Treppe höher, jeweils in einem Zimmer lebten: Oma Kuhnke mit Enkelin Regina, dann Ehepaar Stenzel. Im Eckzimmer Familie Reiter mit ihrem kleinen Sohn. Unten neben uns wohnte Frau Christiansen mit den Töchtern Anneliese und Lotte. Die Wohnungsnot ließ alle Menschen zusammenrücken.

Unsere Wohnung war geteilt durch den Flur im Treppenhaus. Links ging es in die Küche. Hier spielte sich das Leben ab. Ein großer Feuerherd, ein Küchentisch mit den Stühlen drumherum, ein halbhoher Küchenschrank gleich links neben der Tür und unterm Fenster zum Hof eine lange Bank. Hier ging eine Tür weiter zum Klo. Das merkwürdige an diesem Raum war, dass dort in einem eingebauten Schrank die Speisen untergebracht waren. Sozusagen die Speisekammer. Es ging noch eine Tür weiter zur Waschküche, die von allen Hausbewohnern genutzt wurde. Die Waschküche hatte aber einen eigenen Zugang vom Hof aus.

In der Küche war das Zentrum aller Dinge: In der schlechten Zeit nach dem Krieg wurde mit Zigaretten gehandelt. Das war die sogenannte „Schwarzmarktzeit“. Eine Zigarette kostete 7 RM. Die Zigaretten mussten natürlich versteckt gehalten werden. Oma hatte die Schachteln in den Hosenbeinen, die durch den Gummizug eng am Bein lagen, untergebracht. Man kann sich nicht vorstellen, wer alles zu uns kam, um sich mit den „Glimmstengeln“ einzudecken. Man saß auch noch um eine Zigarettenlänge auf der bewussten Bank, um alles Neue zu erzählen. Abends wurde in der Küche auch gerne Skat gespielt. Frau Lindthüber, Herr Groth und Vater um 1/10 Pfennig. Es waren scharfe Spieler und es ging manches Mal hoch her. Mit rotem Kopf wurden die Fehler diskutiert.

Einmal, in einer Schnapslaune, wurde von Erich Baum eine Rasierklinge zerkaut und runtergeschluckt. Ein anderes Mal war Hannes da. Er wurde nur Hinkepinke genannt, weil er am Stock ging. Er nähte sich Knöpfe direkt auf die nackte Haut und ließ sich einen Nagel durch die Zunge auf den Tisch schlagen. Aber solche Sachen waren wirklich eine Ausnahme. In der Regel ging es immer lustig zu.

Erich ließ auch seine Verlobte Ulla aus Swinemünde nach Kappeln kommen. Die beiden wohnten in einem Zimmer bei Leder-Lassen schräg gegenüber. Hier wurde auch ihre Tochter Monika geboren. Dann zogen sie um in die Nestle-Baracke.

So, nun geht es in die anderen Räume der Wohnung rechts vom Flur. Im ersten Zimmer schliefen Oma und Opa. Es standen auch noch ein Sofa sowie ein Tisch und Stühle da. Über dem Niedergang vom Flur zum ehemaligen Bierkeller war ein Holzverschlag gebaut worden. Von der Stube war in diesem Verschlag ein kleines Fach eingebaut, in dem Oma die „Kriegskasse“ verschlossen hielt. Oma war eben für die ganze Familie der „Finanzminister“.

Geradeaus ging es ins Schlafzimmer der Eltern. Das Zimmer lag um zwei Stufen niedriger als Omas Stube. Links kam man ins große Wohnzimmer. Auch hier ging es zwei Stufen runter. Das Wohnzimmer hatte zwei Fenster zur Schmiedestraße hin und konnte alle Möbel aufnehmen, die wir seinerzeit bei Jessen auf dem Speicher untergebracht hatten. So waren meine Eltern zu damaligen Verhältnissen modern eingerichtet. Wir waren gewissermaßen einheimische Flüchtlinge.

Befreundet war ich mit meinem Schulkameraden Manfred. Wir haben in der „schlechten Zeit“ bei den Bauern etwas zum Essen besorgt. Es gab meistens beschmierte Brote für den sofortigen Verzehr. Heute würde man sagen „für den kleinen Hunger“. Aber damals konnten wir tüchtig futtern, besonders Manfred. Wir sind bis Schwackendorf gewandert. Bei Max Delfs, dem Bauern und Bürgermeister, war gerade Hochzeit. Hier haben wir besonders leckere Sachen zum Essen bekommen. Die Landwirtschaft hatte eben ihre Vorteile.

Manfred hatte bei der Nestle ein Floß der Kriegsmarine entdeckt. Das Ding war viereckig. Man saß auf den tragenden Bordwänden und hatte in der Mitte einen Boden aus Drahtgeflecht. Größe etwa 1,5 x 1,5 m. Tagsüber hatten wir es im Schilf versteckt. In der Dämmerung haben wir es gewagt, über die Schlei zu schippern, jeder mit einem Brett zum Paddeln bewaffnet. Es war eben verboten, auf der Schlei zu sein.

Auf der anderen Seite fanden wir einen dort angeschwemmten, etwa 6 m langen, 25 cm breiten und 10 cm starken Balken. Ich erzählte zu Hause von dem Fund. Erich Baum war schnell bei der Hand und es ging los, den Balken zu holen. Heute denke ich schon, dass der Balken zur Hälfte auch Manfred mitgehört hätte, denn auch bei ihm zu Hause musste geheizt werden. Wir brachten den Balken in die Durchfahrt von Breckenfeld und Opa machte sich daran, das Ding in handliche Stücke zu sägen, um es danach zum Anheizholz zu zerkleinern. Als ich mit Manfred zu der Stelle kam, wo der Balken gelegen hatte, war er weg.

Mit Erich Bandtholz, den ich ja schon aus der Zeit kannte, wo wir auf dem Dehnthof wohnten, war ich oft zusammen. Wir durften uns auf dem Boden über der Durchfahrt ein Zimmer ausbauen. Erich brachte die Fähigkeiten eines Tischlers mit und so wurde daraus eine schnuggelige Bude. Wir haben es uns hier gemütlich gemacht und hatten eines Tages die Idee, einen Schlager zu komponieren.

Bei unseren Schwärmereien von warmen, fernen Ländern, entstand in unseren Köpfen ein „Langsamer Walzer“. Erich hatte eigentlich immer die Seefahrt im Sinn. So entstand das Lied „Land meiner Sehnsucht“. Aber wo lag diese bezaubernde Insel? Mein Vater hatte einen großen, schweren Atlas von 1898. Herr John Kock hat, als wir in der Schanze wohnten, diesen wieder neu eingebunden. Wir fanden eine winzige Südsee-Insel und die hieß: „Modu Manu“. Das klang schon so tropisch schön! Wir brachten die Texte zu Papier und fanden eine Melodie, die wir uns immer wieder vorsangen.

Fräulein Christiansen hatte ein Klavier und hat uns, nach unser beider Tonlage, die Melodie in E-Dur aufgeschrieben. Toll, jetzt musste es nur noch für eine Kapelle vertont werden. Günther Griebel hatte zu der Zeit eine „Big Band“. Er selbst war aber nicht zu bewegen, sondern sein Trompeter übernahm den Part, die Noten für das gesamte Orchester zu schreiben.

Zum Turnerfest hat Günther Griebel dieses Lied mit seinem großen Orchester im Schauspielhaus gespielt. Anne und ich wurden schon immer unruhiger, weil sie um 12 Uhr in der Nacht zu Hause sein sollte! Um 2 Uhr etwa kam das Lied mit Ansage! Wir haben diesen „Langsamen Walzer“ oben im Teesaal zusammen getanzt.

Im Sommer ging es nach „Walter Buer Damm“. Das war ein verflixt weiter Weg nach Olpenitz. Es ging weiter um das Noor herum bis zum Ostseestrand. Hier hinter der Mole, dem Leuchtturm gegenüber, war unsere Stelle, wo wir gerne schwammen, tauchten und uns sonnten.

Einmal hatten wir die Idee, mit faustgroßen weißen Steinen bei der zweiten Sandbank, unsere Anfangsbuchstaben durch Tauchen in etwa 2 m Tiefe auf den Meeresboden zu legen. Man nahm wegen des Gewichts der Steine nur zwei mit. Einen in der Badehose und den anderen in einer Hand.

Ein anderes Mal sind wir bis zum Ende der Mole geschwommen und wollten an die andere Seite der Schleimündung. Die Strömung war aber auslaufend und es trieb uns weit hinaus. Die beiden hatten einfach mehr Kraft und schafften es. Meine Kräfte waren verbraucht und ich habe mich auf dem Rücken treibend erholen können. Nun war die Strömung nicht mehr so wirksam und ich konnte durch den großen Bogen und mit viel Zeit die Strecke bis zum Strand schwimmen. Das war eine gefährliche Sache! Die Strömung ist nicht zu unterschätzen und man sollte auch wissen, was man sich zumuten kann.

Die Tour nach „Walter Buer Damm“ war noch oft unser Ziel. Inzwischen hatten wir uns aber das Fahrrad aus dem Schuppen zurecht gemacht, und haben uns immer abgewechselt. Einmal hatten wir den Einfall, das Noor zu durchwaten. Wir zogen uns bis auf die Badehose aus, banden unser Zeug mit den Hosenriemen über dem Kopf zusammen, und los ging es. Wir stellten schnell fest, dass diese Art den Weg abzukürzen viel Zeit in Anspruch nahm. Außerdem gab es Untiefen, die nur schwimmend überwunden werden konnten. Trotzdem war es ein Erlebnis und eine bleibende Erinnerung.

~ ENDE ~

Wenn ich an dieser Stelle die Wiedergabe der biografischen Aufzeichnungen von Erich Thomsen beende, hat das seine Gründe. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird es nicht nur immer privater, sondern es betreten auch einige Menschen die „Bühne“, die ich selbst noch kenne. Deshalb ist für mich „veröffentlichungsmäßig“ die Grenze, an die ich bereits einige Male fast gestoßen bin, sobald es um die Wahrung von Persönlichkeitsrechten geht, hier erreicht.

Erfreut euch einfach an dem, was ich euch anbieten konnte und was es nie und nirgendwo anders geben wird außer hier.

Ich werde unter den einzelnen Kapiteln demnächst noch ein kleines Inhaltsverzeichnis erstellen, damit man beim „Nachlesen“ schneller am Ziel ist.

5 Kommentare

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  1. Wolfgang Dase

    Danke für die Aufzeichnung. Besonders beeindruckend sind, gerade aus heutiger Sicht, die damals kargen Lebensverhältnsse.

  2. Maren Sievers, geb. Bonau

    Genau und heute werden150
    Quadratmeter für 2 Personen
    schon als zu knapp bezeichnet….

  3. Heino Küster

    Auch von mir Danke für die nette Serie, die du so liebevoll für uns aufbereitet hast! Habe ich sehr gerne gelesen. ;-)

  4. Konrad Reinhardt

    Vielen Dank Achim, dass Du uns diese eindrucksvolle Geschichte präsentiert hast!

    1. Regina Blätz

      Eine schöne Erzählung, diese alten Geschichten sind immer interessant. Den letzten Teil über die Wanderung zur Olpenitzer Mole bis gegenüber des Leuchtturms habe ich mit Wehmut gelesen. Wir sind bis vor wenigen Jahren oft dorthin gelaufen. Das war jedesmal ein toller Spaziergang. Jetzt ist es leider nicht mehr möglich

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