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Mai 03 2021

Bilderrätsel Nr. 593 – Schleswig und die Schlei

Im zweiten Gang gibt es – statt „Chicken with Champagne“ – wieder ein Buch bzw. „Büchlein“, das
– so unscheinbar (DIN A6) es auch daherkommt – mit seinen 224 Seiten durchaus einer Haupt-Lese-Mahlzeit genügen dürfte.

Frage: Wie heißt das Buch, von dem hier ein Ausschnitt des rückseitigen Umschlags zu sehen ist?

Schleswig und die Schlei

Bilderrätsel Nr. 593

Wie der Titel verrät, liegt das Hauptaugenmerk auf der Stadt Schleswig, in der dieses „Taschenbuch“ auch erschienen ist.

Die Druckqualität ist – im Vergleich zur Papierqualität – recht ordentlich.

Inhaltlich bietet das Buch – über Schleswig hinaus – viele weitere Informationen über Orte, Geschichten und Gebräuche aus der Schlei-Region – alles eher feuilletonistisch und damit sowohl informativ wie auch unterhaltsam.

Darüber hinaus ist das Büchlein voller Anzeigen, von denen ich einige bereits in der Vergangenheit benutzt habe.

Ein paar Seiten und eine originelle Geschichte füge ich unten an.

Das Buch zu erraten war eigentlich nicht möglich. Und da es offenbar niemand kennt, habe ich die Auflösung vorgezogen.

Schleswig und die Schlei

~ Ein Wegweiser ~

Schleswig und die Schlei (1954)Schleswig und die Schlei (1954)

Diverse Autoren, Fotografen und Zeichner

Gebunden (geheftet und geklebt), 224 Seiten,
224 Bilder und Zeichnungen,
1 Mehrfarbendruck nach alter Lithographie,
4 Karten und 1 Stadtplan

Verlag Schleswiger Nachrichten, M. Johannsen Nachflg.
1954
ISBN: –

Meine Bewertung:

Fotos: star star star

Text: star star star star star

Aufmachung und Qualität: star star star star

Gesamteindruck: star star star star

Schleswig und die Schlei (1954)Schleswig und die Schlei (1954)

Schleswig und die Schlei (1954)Schleswig und die Schlei (1954)

Geschichten
um einen Feinschmecker von der Schlei

Dückdalben, Buchweizenpfannkuchen,
Rote Grütze, Schwarzsauer und Angler Muk

Ich begegnete ihm zum ersten Male kurz vor Ausbruch des Krieges auf dem „General von Steuben“, einem der herrlichen Schiffe des Norddeutschen Lloyd. Wir kehrten aus dem Mittelmeer zurück. Vor der Reling weiteten sich die Deiche, leuchteten die roten Dächer der Fischerhäuser unter blauen Rauchschwaden herüber. Hinrich Hansen, der in Europa, Amerika und Asien ebenso zu Hause war wie in seiner Heimat Angeln, der im Salzkammergut wie auf Sylt ein Landhaus besaß und als Kunstkenner Weltgeltung hatte, war beim Anblick der norddeutschen Landschaft wie umgewandelt.

Er erzählte nicht mehr, wie er in China kostbares Porzellan aus der Zeit der Sung-Dynastie, in Frankreich Gemälde Claude Lorrains, in Spanien von El Greco, in Japan von Honami Koetsu, in Persien Teppiche aus der Sassaniden-Zeit entdeckte. Er verbarg sein universales Wissen und seine Ergriffenheit, heimzukehren, hinter Kalauern.

Sein Mund, der so beredt schweigen und so klug sprechen konnte, plapperte unermüdlich. Dem Steward, der ihn fragte: „Salat mit oder ohne Essig?“ sagte er: „Eß‘ ich Essig, eß‘ ich Essig nur in Kopfsalat – aber bitte auf jeden Fall mit dem unvergleichlichen schleswigschen Katenschinken!“

Den Hochseeschoner, der an uns vorbeifuhr, erklärte er einer Landratte als „Schiff, das die Hochsee schont“. Die gute Laune der Matrosen, die sich auf den Urlaub freuten, nannte er „matrosige Stimmung“. Oder er schmückte jene Geschichte von einem Passagier an Bord aus, der seiner Frau von Sizilien ausgerechnet einen Büstenhalter mitbringen wollte und nicht begriff, daß man in den Geschäften von Catania sein (von Hansen suggeriertes) Verlangen nach „Titta Ruffo“ und dann nach „Ferruccio Busoni“ nicht kapierte.

Den mitreisenden Anzeigenchef einer großen Zeitung nannte er grundsätztlich „d‘ Annoncio“, einen sehr nüchternen Kaufmann „Marquis Prosa“ und den freundlichen Kapitän den „Lloydseligen“. Wir stammelten „Au“, wünschten ihm „Xegnete Mahlzeit“ und wunderten uns nicht, daß der universale Weltenwanderer leidenschaftlich die Partei Schleswigs und der Schlei ergriff, als die Bedeutung des Wortes „Dückdalben“ erörtert wurde.

Irgendwer behauptete, der Herzog von Alba habe dies in den Grund des Wassers gerammte Pfahlbündel zur Befestigung der Schiffe erfunden. Da ereiferte sich Hinrich Hansen, nicht Alba oder gar irgend ein Holländer, sondern schon der alte Wikingerkönig Göttrik habe, als er im Jahre 804 mit seiner Flotte nach „Sliesthorp = Sliasvic = Haithabu“ gekommen sei, aus „diek“ (Deich) und „dalle“ (Pfahl) Dückdalben in der Schlei und im Haddebyer Noor geschaffen.

Hansen strafte die Mär, daß geistige Menschen nie fanatische Feinschmecker sind, gründlich Lügen. Seine Freude an lukullischen Genüssen sah man ihm nicht einmal äußerlich an. Er hatte weder kleine, verquollene Augen, die immer auf Suche nach auserlesenem Gaumenlabsal waren, noch eine gedrungene breite Nase, die beständig in der Luft schwebte, als wittere sie den Duft eines Festschmauses. Er besaß auch nicht jene dicken wulstigen Lippen, die unaufhörlich von der Zunge befeuchtet wurden, oder ein stattliches Bäuchlein, das er voller Stolz und Würde vor sich hergetragen hätte. Trotz der hageren Gestalt und des schmalen, feingeschnittenen Kopfes war er ein Feinschmecker!

Ich bezweifle nicht, daß er mit seiner Köchin viele Stunden verbrachte, um delikate Speisenrezepte zu ersinnen. Und ich glaubte ihm aufs Wort, daß er gewisse Speisen seiner Heimat Angeln den ausgefallensten überseeischen Leckerbissen vorzog.

Hinrich Hansen gestand mir, er habe einmal unmittelbar vor dem Abschluß des Verkaufes eines wertvollen Kunstwerkes in Stockholm so überwältigend den Geschmack von „Buchweizenpfannkuchen“ auf der Zunge gespürt, daß er noch am gleichen Tage abgereist sei, um sich von seiner Schwester in Schleswig das Leibgericht seiner Jugend bereiten zu lassen.

Ich will bekennen, daß es mir schwerfiel, die Begeisterungsfähigkeit zu verstehen, mit welcher der „angliter Gourmet“ (nebenbei bemerkt: bitte nicht „Gourmand“! Das bedeutet nämlich „Vielfraß“) das Rezept vor sich hinflüsterte:

„Feine Buchweizengrütze in Milch kochen, nicht dicken lassen, Hefe in Milch ausrühren, mit Buchweizenmehl anrühren, den Teig gut aufgehen lassen! In der Pfanne je drei kleine Pfannkuchen backen, bis sie knusperig sind. Mit Syrup süßen, oder zu Saftsuppe genießen.“

Ein anderes Mal habe ihn bei einer „Bouillabaisse“ in Marseille so sehnsüchtig nach „Roter Grütze“ verlangt, daß er spornstreichs gen Schleswig aufgebrochen sei. Und mit dem Zitat von Fritz Reuters „Läuschen un Rimels“ „Wer’t mag, de magt; un wer’t nich mag, de magt jo woll nich mögen“ zelebrierte Hinrich Hansen das in Luise Keck‘s 1894 gedrucktem unsterblichen Kochbuch überlieferte Rezept:

Schleswig und die Schlei (1954)

Kürzlich traf ich den eben aus Berlin gekommenen Hinrich Hansen in einem Schleswiger Gasthof vor einer mächtigen Terrine „Schwarzsauer“. „Nicht von Gänsen“ lächelte der Feinschmecker. – „Das wird aber genau so bereitet“, ergänzte der Wirt:

„Frisches Schweine- oder Pökelfleisch, Eisbein, Schnuten und Poten mit Gewürzen, Zwiebeln, Sellerie, Porree, Lorbeerblätter und Salz ankochen. Blut mit Essig und Salz verrühren und durch das Sieb in die kochende Suppe gießen und überkochen lassen. Vom Feuer nehmen. Dazu Buchweizenklöße (Bookweetenklümp) aus feiner Buchweizengrütze und Buchweizenmehl hergestellt, auch noch Backobst für sich besonders hergerichtet, und Pellkartoffeln.“

„Ja, meine Liebe“, wandte sich Hansen galant an seine Frau, „es ist mit einer exquisiten Mahlzeit wie mit schönen Evastöchtern. Sie enthüllen ihre Reize erst allmählich.“

„Gut gesagt, Hinrich! Wenn Du den Aphorismus nur nicht ausgerechnet im Zusammenhang mit „Schwarzsauer“ geprägt hättest!“
„Ich bedaure, Liebes, daß ich da nicht Dein volles Verständnis finde. Aber Du weißt, daß ich nicht zu denen gehöre, die für Frauenreize wenig übrig haben, obwohl ich auch in punkto Essen Feinschmecker bin“, parierte der Schwarzsauergenießer.
„Allerdings, was mich betrifft, so ziehe ich gut zubereitete Möweneier nicht nur Schwarzsauer, sondern auch einem Kuß von Dir vor“, lachte Frau Hansen charmant.
„Jean Paul hat recht,“ so schloß Hansen das Geplänkel, „Essen nimmt, Trinken gibt Enthusiasmus. Also trinken wir!“ Damit bestellte er einen „Angler Muk“ mit der Bitte an den Gastwirt:

„Etwa 2/3 kochendes Wasser mit Hut- oder Würfelzucker zu 1/3 Rum, alles einmal leicht aufkochen lassen und durch das Abbrennen des Zuckers, der vorher mit Rum getränkt ist, verbessern …“

„Scheun“, schnalzte Hansen, als uns das Getränk kredenzt wurde, „dat is wull halv up halv“.

Ich erlebte an dem gleichen Abend eine Nebel-Feierstunde, an die ich bis in mein graues Alter denken werde; denn der Angler Muk erwies sich als ein süffiges Elixier, das den Alltag auslöschte und seitdem mein Leib- und Magensorgenbrecher wurde.

Gegen alle entrüsteten Abstinenzler-Proteste verschanzte ich mich hinter Friedrich von Schiller: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut“. Und der Angler Muk entpuppte und bewährte sich in der Tat als ein Geist, der stärker war als der meine oder selbst der von Hinrich Hansen.

4 Kommentare

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  1. Konrad Reinhardt

    Friedrichsberg mit der Dreifaltigkeitskirche

  2. Runa Borkenstein

    "Moorleichen in Schleswig-Holstein"

  3. Runa Borkenstein

    So ein idyllische Örtchen
    bringt mich auf drei Wörtchen:
    DER ROTE ERIK,
    oder auch SCHLEI IM BLICK…

    Bei den Bücherrätseln
    scheint meist kein Land in Sicht
    entweder man hat es oder aber nicht

  4. Hans-Werner Panthel

    Das kleine Handbuch der Stadt …

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