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Okt 14 2021

Nancy Sinatra

Da  Eckehard und Dietrich sich gerade die Bälle zuspielen und ich fest davon überzeugt bin, dass auch Eckehards lebhafte (und musikalisch fundierte) Erinnerungen* durchaus Buch-fähig sind, hier nach längerer Pause mal wieder ein Kapitel daraus.

1968 – Nancy in der Botanik?

von Eckehard Tebbe (2013)

Es kommt zwar ausgesprochen selten vor, aber bisweilen spielt beim Plattenkauf das Cover eines Albums eine zumindest nebensächliche Rolle.

1968, als ich wegen meines häuslichen Nebenverdienstes (Melken unserer Kühe) und meines Einsatzes als DJ in der Vogelsang-Grünholzschen ‚Bahnhofsturnhalle‘ zur etwas betuchteren Schülerklasse gehöre, kann ich mir manche nette LP oder Single leisten. Ich hänge daher in Plattenshops rum, wann immer es möglich ist. Und bin ich erstmal drin, grabe ich den Laden regelrecht um. Mir entgeht absolut nichts. Es könnte ja sein, dass sich irgendwo zwischen den Jazz-, Schlager-, Klassik- oder gar Volksmusikscheiben ein Prunkstück verirrt hat. Also werfe ich besser auch einen Blick in solche Kisten, zumindest stichprobenartig.

Unter solchen Bedingungen muss dies passieren …

LP-Cover - Nancy Sinatra - SugarIrgendwer hat ‚Sugar’ von Nancy Sinatra zwischen den Jazzalben platziert. Ich stelle natürlich Mutmaßungen an, wie sowas vorkommen kann. Es könnte ein schlichtes Versehen sein.
Kann ja mal passieren. Du bist als Verkäuferin morgens noch nicht richtig wach, das Frühstücksei war nicht viereinhalb Minuten oder du hast dich an diesem schönen Sommertag doch etwas zu luftig angezogen. Du bist einfach verstimmt. Es ist nicht dein Tag …

Möglicherweise steckt aber auch Absicht dahinter. Die etwa fünfzigjährige Brünette – also allemal noch keine pudellockige Rentnerin – hinter dem Tresen könnte Nancy dorthin verbannt haben, weil sie weiß, dass Jazz weniger als Rockmusik verkauft wird und die Interessentengruppe eher im Erwachsenenbereich anzusiedeln ist.

Das Cover zeigt Frankies gut gebaute und ausgesprochen niedliche Tochter nämlich im knappen Bikini, den linken Daumen lässig in das Unterteil gehakt. Wird sie es gleich über ihre ebenmäßigen Schenkel streifen? Sieht danach aus, denn die linke Seite hat sie bereits etwa fünf Zentimeter nach unten geschoben. Zumindest ist eine deutliche Asymmetrie des Slips auszumachen. Und das Gesicht der hübschen Lady ziert eine Unschuldsmiene mit leichter Öffnung der Lippen.

Sowas gehört doch eher in den Playboy, oder? Das kannst du doch nicht dem exakt gescheitelten Jungen präsentieren, der gerade eine LP der Mamas und Papas gekauft hat. Oder diesem vielleicht Siebzehnjährigen in der Beatles-Jacke, der sich gerade unser Volksmusikrepertoire ansieht. Der sieht nett und wohlerzogen aus und hat sicher noch nie im Leben ein so spärlich bekleidetes Girl in einem dermaßen unschicklichen Abstand vor sich gehabt. Ja, seine Haare dürften etwas kürzer sein, und diese Stiefel hätte ich ihm als Mutter auch nicht zugestanden. Doch sonst … Aber was hat er denn jetzt vor? Jazz? Oh Gott, Jazz!

Und jetzt zieht er diese Platte mit dem nackten Mädchen aus der Kiste …

Single-Cover - Nancy Sinatra - Sugar TownIch kenne nur einen einzigen Titel des Albums: ‚Sugar town’. Aber gerade der ist ja sowas von gut. Er pulst geradezu in mein Ohr hinein. Mal hören, was Nancy außer diesem Track und der vor mir entfalteten Edelkarosse sonst noch zu bieten hat: „Kann ich da mal reinhören?“

„Jaaaaa, sicher.“ Hmm, vernehme ich da einen leichten Sprachfehler bei der Dame? Eine kaum zu identifizierende Dehnung der Vokale? Wird doch hoffentlich nichts Ernstes sein? Nein, hab ich mir wohl eingebildet. Zumindest stimmen ihre Handgriffe. Sie zieht das Vinyl mit elegantem Schwung aus der Hülle, legt es auf den Teller und bedient die Hebel. Rotation, dreiunddreißigeindrittel. Das Cover legt sie auf den Tresen, jedoch falsch rum.

Nancy sollte aber mich ansehen. Ich bin der Kunde. Ich will mir diese Ikone von Frau zulegen. Weshalb ist sie also dieser leicht verstört wirkenden Dame zugewandt? Wägt sie ab, ob ihr dieser Zweiteiler möglicherweise auch stehen könnte? Aber solche Klamotten werden schon längst im Sommerschlussverkauf verscherbelt. Jetzt müsste die Winterkollektion in den Läden sein, oder? Gut, ich kenn mich da nicht aus. Ich werte die Angelegenheit mal als Nachlässigkeit und drehe Frankies Spross zu mir. Wow, Nancy, du bist echt optimal in Schuss. Süß. Und deine Augen … und diese Engelsmähne.

Aber jetzt erzähl mir mal, wo du in diesem schnuckeligen Outfit eigentlich rumturnst? Du bist doch nicht am Strand. Was sind das dort im Hintergrund für Pflanzen? Räkelst du dich etwa irgendwo in der Botanik? Das bedarf einer überzeugenden Erklärung.

Böses Mädchen. Du, ich muss dir außerdem sagen, dass das Cover verdammt unscharf ist. Ich meine natürlich rein fototechnisch. Hat der Photograph zu grobkörnigen Film verwendet? Hat er bei der Belichtung gepfuscht? Ist er sonstwie Dilettant? Oder hast du ihn einfach nur verwirrt?

Eartha KittIch versuche jetzt mal, mich auf die Musik zu konzentrieren. Dabei stelle ich fest, dass sie einen deutlichen Bezug zum Cover hat. Was die blanke Haut betrifft. Der Link zur Tageszeit ist dagegen verfehlt, denn hier wird unzweideutig schummriges Night-Club-Feeling verbreitet. Wer ‚Let’s fall in love’ covert, will Erinnerungen an Eartha Kitt wach rufen, und die weckt sicher keine Assoziationen zum Strand von Malibu.

Ähnlich verhält es sich mit ‚Button up your overcoat’, ‚Sweet Georgia Brown’, oder ‚Oh you beautiful doll’. Und ‚Sugar town’ haut natürlich ebenfalls in die schwüle Kerbe. Du kannst dir Nancy also durchaus als Midnight Lady mit locker über die zarten Schultern gerutschten Spaghetti-Trägern und geschlitzter Robe vorstellen.

Okay, eine halbe Stunde nächtliches Las Vegas oder gar Reeperbahn für 22 Mark …

„Ich nehme die Platte.“ Der Satz kommt mir mit der Beiläufigkeit über die Lippen, mit der damals die Sankt-Pauli-Nachrichten (gibt’s die eigentlich noch?) im Supermarkt aufs Band an der Kasse gelegt werden.

„Gut.“ Sie lässt die LP mit erstklassiger Feinmotorik in die Tragetasche gleiten und kassiert den Nachtclub-Eintritt. Entweder wird sie Nancy kein zweites Mal bestellen oder in Zukunft unterm Ladentisch aufbewahren.

Zuhause überlege ich einen Moment, ob ich ‚Sugar’ zwischen die LPs stelle oder aber auf das kleine Regal über meinem alten Schreibtisch, neben den geklauten Martini-Aschenbecher. Nein, doch lieber zwischen Simon & Garfunkel und die Small Faces.

Putzig ist das schon. Ende 1968 brauche ich dringend ‚Electric Ladyland’ von der Jimi Hendrix Experience.

LP-Klapp-Cover - The Jimi Hendrix Experience - Electric Ladyland

Wer könnte ohne ‚Burning of the midnight lamp’ oder ‚All along the watchtower’ auskommen? Ich finde die Scheibe ganz korrekt eingeordnet vor, eben unter H hinter den beiden früheren Hendrix-LPs.

Wo hätte die brünette Lady bloß dieses Cover mit der Unmenge an blanken Busen versteckt? Aber der bedienende Herr im Laden ist ja auch kaum 10 Jahre älter als ich.

Sex sells? Na klar.

Denk mal an Andy Warhols ‚Sticky fingers’-Cover.

Daran dürften sich sicher ein paar Ladies erfreut haben. Andrew Warhola hatte stets ein subtiles Gespür für wirkungsvolle Konzepte. Allein der Reißverschluss … Wieviele Mädchen/Frauen wohl an ihm gezogen haben … und dann enttäuscht wurden?

LP-Cover - Rolling Sones - Sticky Fingers

* Bisherige Beiträge von

Eckehard Tebbe

Die nicht mehr aktuellen Video-Links werde ich in Kürze überarbeiten.

Soundtrack of my life

1963-1966 – Die Fab Four

1965-1969 – Manfred

1965 – La poupée

1966-1971 – Top 20

1967 – Landluft und pralle Euter

1967 – Entspannt am Strand

1967 – Sängerkrieg

1968 – Whisky mit den Equals

1968 – Tante Klara, der Vopo und eine Flasche Wein

9 Kommentare

Zum Kommentar-Formular springen

  1. Dietrich von Horn

    Texte müssen auch wehtun, sonst sind sie nicht wirklich gut.

  2. Karl-Erich Henrici

    Eckehard, du traust dich was. Solche Cover und Bilder passen gar nicht mehr in unsere Zeit; deren Zeitgeist ist ja eindeutig von der " Me Too"- Bewegung geprägt ist. Leicht bekleidete mit Schlafzimmerblick geht ja gar nicht.
    Finde ich trotzdem gut. Sowohl Nancy als auch deinen Beitrag.

    1. admin

      Nur zu Eckehards Entlastung – falls das nötig sein sollte:
      Das Kapitel (in dieser Fassung) ist von 2013.

      1. Eckehard Tebbe

        Nee, Entlastung nicht nötig. Würde ich heute noch ebenso schreiben. Ich muss die Cover nicht verantworten.

  3. Heino Küster

    Ja genau, Eckehard, das ist ein MUST HAVE! Geschrieben sind die Texte ja schon, nun noch in ein sauberes Konzept einbinden und deine musikalische Biografie ist komplett. ;-) Und nächstes Frühjahr bei Gosch (nein, nicht der Fischladen) ganz vorne in der Auslage… :idea:

  4. Dietrich von Horn

    Eckehard, los mach, deine Texte sind super. Das schreit nach Öffentlichkeit. Mach was daraus!
    Dietrich

    1. Eckehard Tebbe

      Ist nicht drin, Dietrich, viele Kapitel sind zu persönlich: Eltern, Familie, Freunde, Freundinnen. Das ginge gar nicht. Das würde manchmal weh tun. Es dürften also nur Kapitel ausgewählt werden, die durch meine FSK kommen. Wie dieses eben und andere, die Achim hat.
      Habe dein Buch übrigens gerade halb durch. Herrlich. Überlege gerade, ob ich auf meine alten Tage noch das Tagebuchschreiben anfange, um die vielen tollen Erlebnisse mit den Enkelkindern und den interessanten Menschen der übrigen Umwelt immer parat zu haben.

  5. Maren Sievers

    Unbedingt einer größeren Öffentlichkeit
    zuTeil werden lassen, das ist Unterhaltungsliteratur pur. Super Eckhard

    1. Maren Sievers

      Sorry Eckehard. Das eine "e" hat
      das Smartphone geschluckt.

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