Stones ’76

Rathausstraße 11

The Rolling Stones

Ostseehalle 1976

In der Kieler Ostseehalle – gleich um die Ecke unserer WG – traten im Rahmen ihrer Europa-Tournee am 2. Mai 1976 die Rolling Stones auf. Ursprünglich für die Ernst-Merck-Halle in Hamburg geplant – war es eine kleine Sensation, als bekannt wurde, dass dieses Konzert nach Kiel verlegt worden war.

Das damals aktuelle Album Black And Blue war zwar nicht (mehr) ganz nach unserem Geschmack, aber einmal die Stones live zu erleben, war natürlich Ehrensache, zumal der Eintritt mit 20 Mark gerade so viel kostete wie eine normale Langspielplatte.

Rolling-Stones-Ticket - Ostseehalle Kiel 1976

Das Konzert selbst war – bis auf einige wenige Stücke wie You Can’t Always Get What You Want und Happy von Keith Richards nicht wirklich mitreißend. Da war erst einmal die bis heute kühle Atmosphäre und die schlechte Akustik der Ostseehalle und zum anderen eine irgendwie unmotivierte Truppe von zugedröhnten oder gelangweilten Altrockern, die mit anderthalbstündiger Verspätung – was auch zu aufkeimenden Aggressionen im Publikum führte – anscheinend so schnell wie möglich ihr Pflichtprogramm runterspielen wollten. Aber – wie gesagt – es gab auch Highlights und so wurde das neunzigminütige Event insgesamt doch zu einem außergewöhnlichen und bleibenden Erlebnis.

Nach dem Konzert berichtete der NDR über dieses Ereignis, und das gleich zweimal. Zunächst gab es am 3. Mai um 17 Uhr im „Club“, der montags von Henning Venske moderiert wurde, einen sehr detaillierten Verriss von Rainer Wulff und später eine etwas wohlwollendere Rezension von Werner Burkhardt in seinem „Pop-Kommentar“.

NDR 2 – Der Club – 3. Mai 1976

NDR 2 – Werner Burkhardts Pop-Kommentar – Mai 1976

Kieler Nachrichten vom 4. Mai 1976

Die Stones jedenfalls waren zufrieden
Rund 8000 Zuschauer in der Ostseehalle – Stars kamen mit Verspätung

Mick Jagger, der Lead-Sänger der Rolling Stones, zeigte seinen Fans, daß er noch der Alte ist. Foto: Harder(ar/WS) Konfetti spuckte ein Drache ins Publikum, Mick Jagger ergriff Wassereimer und kühlte die Fans ab, goß den letzten Eimer über sich selbst: „Good night!“ Zugabeforderungen erstickte überlaute, ohrenbetäubende Marschmusik. Das größte Rock-Musik-Ereignis in der Geschichte der Ostseehalle war beendet: die Show der Rolling Stones in der ersten Stunde des 3. Mai.

Ungeduldige Fans hatten stundenlang vor der Ostseehalle gestanden, eine Vorgruppe über sich ergehen lassen und bis kurz vor 23 Uhr gewartet, ehe die Rolling Stones mit „Honky Tonk Woman“ ihr Programm eröffneten. 90 Minuten tanzte und lief dann Mick Jagger auf der Bühne herum, steigerte Gesang und Bewegung im Einklang mit den Rhythmen seiner Band, hämmerte Charlie Watts auf sein Schlagzeug, erklangen die Gitarrenläufe Keith Richards und Ronnie Woods auf dem Hintergrund des Baßspiels von Bill Wyman, verstärkt durch Organist Billy Preston und Percussionist Ollie Brown.

Etwa 8000 Fans hörten alte und neue Stücke, waren spätestens bei „It‘s only Rock’n’Roll“ für die lange Wartezeit versöhnt und bei „Midnight Rambler“ mitgerissen. Die Stones boten eine perfekte Rockshow, zeigten, daß sie auch nach 14 Jahren noch die Größten sind, die „bad boys“ der Rockmusik – laut, wild und aggressiv. Fast könnte man sagen, sie sind schon selbst die Show, die Inkarnation des Rock‘n‘Roll.

Heile Welt hinter der Bühne

Die größten Nörgler und Exzentriker des internationalen Showgeschäftes erlebten in Kiel ein völlig neues Gefühl: Sie waren zufrieden. Manager Peter Rudge nahm den abgekämpften Kieler Veranstalter Ulrich Gerhartz beiseite, klopfte ihm auf die Schulter und sprach ihm ein dickes Lob aus. Die Stones kassierten am Sonntagabend in der Ostseehalle über 100 000 DM. Allerdings kosteten Umbau und Technik ein Vermögen.

Die Polizei und die Verwaltung der Kieler Ostseehalle zeigten derweil, wie man mit Präsenz und geschickten Einsätzen jede Radauszene im Keim ersticken kann. Als über 50 Rocker versuchten, eine Tür zu stürmen, wurden Schlagstöcke eingesetzt. Einen Steinwerfer verfolgte man bis in eine Diskothek und nahm ihn fest.

Hinter der Bühne spielte sich ein heiles Familienleben ab. Mick Jagger kümmerte sich um seine Bianca, und die Ehefrau von Charlie Watts fütterte ihr Baby mit Brei. Alles war, wie Gerhartz feststellte, „wahnsinnig normal“. Er kam aber trotzdem nicht zur Ruhe. Die Stones orderten zwei Eimer Eis zum Kühlen und französischen Cognac. Ganz schnell – aber auch das schafften die Kieler Veranstalter.

Kieler Nachrichten vom 4. Mai 1976

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