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Jun 04 2015

Magdalena Hinrichsen – Erinnerungen (4)


Der Boden, Forts.

Homas Stube war natürlich mein besonderes Reich und meine Zuflucht, wenn ich mich mit den anderen Geschwistern verkracht hatte. Ich rannte heulend nach oben, über den Boden und in Homas rettende Arme. Wie gut das tat, denn ich war ja immer unschuldig, und Homas empörter Ausspruch „de doore verdreihte Jungs“ tat mir so gut. Wie oft hat Homa diesen Ausspruch gebraucht!

Auf dem Boden hatte auch noch eine uralte Wäscherolle Platz von der Größe eines Kleinautos. Das ganze Ungetüm ruhte auf einem festen Unterbau. In der Mitte auf einer glatten Platte lagen zwei Holzrollen, um die die großen Wäschestücke gelegt wurden und darüber dann der Riesenkasten, mit großen Felssteinen gefüllt. An beiden Enden waren Griffe, das ganze Gestell saß in einem Halter fest und konnte nicht hinunterstürzen. Aber nun ging das Rollen los, zwei Personen an jedem Ende und hin und her und hin und her. Manchmal durfte eines von uns Kleinen obendrauf sitzen, aber eigentlich war die Rolle schwer genug so. Wo diese Rolle wohl ihr Ende gefunden hat! Unseren Umzug nach Kiel und dort in die Etagenwohnung im 2. Stock, das konnte sie nicht mitmachen, vielleicht steht sie noch als altes Haus-Faktotum oben im Schulhaus.

Was dieser Boden nicht sonst alles barg! Außer der Feuerung – Koks – Kohlen – Holz – auch Mutters eingeweckte Sachen und nicht zu vergessen zwei Schaukeln und Turnringe und eine abgeschlossene Abseite mit den Äpfeln und Birnen aus dem Garten. Neben Großmutters Zimmer noch eine besondere Abseite, zu der nur ich Zugang hatte. Hier hatte ich all meine speziellen Spielsachen, die ich vor den anderen bösen Geschwistern hüten mußte! Meine Schwester Berta hat mir erzählt, daß sie sich erinnert, mit welchen sehnsüchtigen Gefühlen und mit Neid sie in diese Abseite geguckt hat. Mutter mag auch traurig darüber gewesen sein und ich bin es noch! Berta sagt, Mutter hat sie dann manchmal in die Küche geholt und ihr etwas Besonderes zugesteckt, als Trost! Das tröstet mich auch heute noch!

Christian

Christian als der Älteste genoß besonderes Ansehen bei uns allen. Er war wohl der Begabteste, jedenfalls brauchte er nie Schularbeiten zu machen und war vom ersten bis zum letzten Schuljahr Primus der Klasse. Damals gab es ja noch Klassenplätze! Ich bin nie auf den ersten Platz gekommen, den machte mir von Anfang bis Ende meine Schulfreundin IIse Grüzmacher streitig, ich blieb immer die Zweite.

Wir sahen teils mit Neid, teils mit Ehrfurcht auf unseren ältesten Bruder, er konnte lesen, wenn wir Schularbeiten machen mußten, und er gab Nachhilfestunden – auch ich war seine Schülerin in Englisch –, und manche niederen Dienste, zu denen wir Jüngeren herangezogen wurden, brauchte er und die anderen großen Brüder nicht zu tun.

Später waren sie auch nur in den Ferien zu Haus, als Schüler von Flensburg aus, danach in den Semesterferien von Tübingen, Leipzig oder Kiel. Einmal fuhr Christian während der Semesterferien von Kappeln nach Kiel, vornehm in Cut und Hut, und auf unsere erstaunte Frage, was denn nun los sei, antwortete er nur, er habe besondere Besuche zu erledigen. Zurück kam er dann mit der Überraschung, er habe sein Referendarexamen gemacht. Auch die Eltern hatten nichts davon erfahren, daß Christian neben der Theologie ein Philologiestudium machte. Das hat er nachher verwertet, als er für einige Semester als Hauslehrer auf Schloß Vorra in Württemberg war, um sich wieder Geld für die nächsten Semester zu verdienen.

Aber eins mußte Christian in den Semesterferien auch tun: die Schweine misten und füttern. Wir hatten viele Jahre ein bis zwei Schweine, die in einem Stall auf dem Schulhof untergebracht waren. Diesen Dienst mußte tun, wer gerade zu Haus war, und ich weiß von Christian, daß er mehrfach in den Semesterferien dazu auserlesen war. Ob er den Dienst fröhlich und gern getan hat, weiß ich nicht, jedenfalls aber ohne Murren und Klagen.

Die Ziegen

Ich kanns beurteilen, denn im selben Stall an der anderen Seite hatte ich meine Ziegen. Durch Jahre hindurch hatten wir Ziegen, manchmal bis zu fünf, um dem Haushalt unserer Mutter aufzuhelfen. Und dabei mochten wir alle keine Ziegenmilch, wir schluckten sie mit Verachtung, wenn Mutter sie nicht geschickt den Speisen untergeschmuggelt hätte.

In die Fürsorge für die Ziegen teilten wir drei Schwestern uns, je nachdem wer zu Haus und nicht auf dem Lyceum in Flensburg war. Was heißt hier „Fürsorge“ für die Ziegen. Das hieß: jeden Morgen mit allen Ziegen an ihren Ketten durch die ganze Stadt ziehen, hinaus zur Sportkoppel oder nach Dothmark, je nachdem, wo Vater auf billigste Weise ein Stück Weideland bekommen hatte. Vor dem Hinaustreiben erst das Melken – Ziegenmelken ist viel schlimmer als Kühemelken, ich kenne beides! In der heißen Zeit mußte mittags nochmal der Weg gemacht werden, um die durstigen Tiere zu tränken und umzupflocken. Und abends wurden sie nach Haus zurückgeholt, gemolken und gefüttert. Endlich Ruhe, aber am nächsten Morgen wieder dasselbe. Und was für störrische Tiere Ziegen sein können! Nach den verschiedensten Seiten zogen sie, ich erinnere mich, daß sie sich so um meine Beine wickelten, daß ich hinfiel und mitten auf der Straße lage zwischen den Ziegen, von ihren Ketten umwickelt und mir Leute zur Hilfe kamen, um mich zu befreien. Nach diesem Erlebnis wurden aber zwei kleine Ziegen abgeschafft, ich habe ihnen nicht nachgetrauert, es waren immerhin noch drei, das genügte! Ich habe dies Ziegenthema so ausführlich berichtet, weil es einen unvergeßlichen Eindruck bei mir hinterlassen hat. Ich habe manche Träne um diese Ziegen vergossen.


Magdalena Hinrichsen – Erinnerungen (5)
Magdalena Hinrichsen – Erinnerungen (3)