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Jul 28 2022

Nachtrag 3 – Brarup-Markt 1966

Nach zwei Jahren Corona-Pause findet in diesem Jahr ab morgen wieder der Brarup-Markt statt.

Aus diesem Anlass gibt’s hier einen schon länger geplanten Beitrag als Schulzeitreisen-Nachtrag –
ein weiteres Kapitel aus Eckehards „Soundtrack of my life“.

Brarup-Markt in den Sechzigern - © tikoblog.de

„Ein Blick zurück auf den Jahrmarkt in den 60er-Jahren.
Zu sehen ist der westliche Gang – Blickrichtung Kirche – mit der
noch nicht so modernen „Avus-Bahn“ (Auto-Scooter) auf der linken Seite.“
(Hans-Dieter Tikovsky)

1966 – Die Raupe

von Eckehard Tebbe (2011)

Frag mal jemanden im niedersächsischen Outback, also bei uns hier im idyllischen Leinebergland, nach Süderbrarup. Du wirst sich liftende Augenbrauen ernten, denn wer kennt in unserem verschlafenen Ambiente einen schleswigschen Ort mit gerade mal 5000 Einwohnern. Ich nehm das auch keinem übel. In Schleswig-Holstein allerdings bekommst du die Blitz-Antwort:

„Klar, Brarup-Markt.Brarup-Markt - Plakat von 1966 Steht jährlich bei mir im Termin-Kalender, so Ende Juli, Anfang August.“

Absolut korrekt. Jeder zwischen Wattenmeer und Fehmarn hat sofort den größten ländlichen Jahrmarkt des nördlichsten Bundeslandes vor glänzenden Augen. Ein Muss für alle, die Schießbuden und den Duft von gebrannten Mandeln lieben. Oder auch mehr …

Wie ich, zumindest damals. In den Sechzigern. Heute muss ich das nicht mehr haben. Nicht nur wegen des traumatischen Erlebnisses vor ca. 20 Jahren, als meine Schüler mich überredeten, mal in ein Fahrgeschäft einzusteigen, bei dem man – festgegurtet wie in einer Zwangsjacke – etwa eine halbe Minute mit dem Kopf nach unten hing. Und der Wagen, in dem ich saß, rührte sich nicht von der Stelle. Ich dachte, mir platzt der Brägen.

Aber way back in the 60’s gab es sowas wohl noch gar nicht. Da war der Marktplatz in Süderbrarup zwischen Königstraße, Kappelner Straße und Am Markt gerammelt voll mit Fress-, Sauf-, Los- und Schießbuden, Riesenrad, Kinder- und Kettenkarussels, Geister- und Achterbahn, Schiffschaukel und dem Autoscooter-Pavillon. Und, und, und … Sensation über Sensation bis nachts um 2 oder sogar 3.
Beim Autoscooter konntest du mich natürlich hin und wieder finden, aber üblicherweise verabredeten wir uns mit dem Spruch: „Um 7 an der Raupe.“

Raupenbahn Steiger-Buchholz

Die Raupe. Legendär. Kult. Jedenfalls als du End-Teen warst, so zwischen 16 und 20. Du erfährst gleich, weshalb und wirst die Sache sofort kapieren.

Raupenbahn Steiger-BuchholzRaupenbahn Steiger-Buchholz

Raupenbahn Steiger-BuchholzRaupenbahn Steiger-Buchholz

Die Fotos zeigen schon, worum es geht. Sieh dir mal das letzte genauer an. Die Raupe lief einfach tierisch schnell, Berg und Tal. Absolut nicht naturraupenmäßig. Den ultimativen Kick lieferte aber das grüne Verdeck, das sich über den Wagen schließt und Namensgeber wurde. Geschlossen sah das Gefährt dann tatsächlich aus wie eine Raupe.

Raupenbahn Steiger-BuchholzRaupenbahn Steiger-Buchholz

Aber langsam …

Wenn du in das Ding einsteigen willst, brauchst du erstmal einen Chip. Den kaufst du oben links, in dem kleinen Kassen-Verschlag innerhalb der Bahn. Du stiefelst also den schrägen hölzernen Aufgang entlang, checkst einen Moment, was dein Etat gerade hergibt und erstehst einen Chip …

„Mit der Raupe fahr'n“-CD„Mit der Raupe fahr'n“-CD-Beilage

Naja, diesen hier nicht, denn das ist eine Sonderanfertigung von 2022, Beilage zur CD, die mir gerade in die Finger fiel*. Unten auf dem Cover siehst du einige Original-Chips bzw. Fahrkarten.

„Mit der Raupe fahr'n“-CD

Und nun überlegst du …

Jeder Wagen ist für zwei Mitfahrer gedacht. Logo. Is‘ ja der Klu vons Janze.

Und üblicherweise ist die zweite Person eine Dame, möglichst das Girl, über dem sich das Verdeck der Raupe schließen soll. Mit dir zusammen natürlich.

Zum Austausch von Annehmlichkeiten. Oberflächlich, denn es sind nur kurzfristige, vielleicht viertelminütige Ausbrüche aus dem Alltag, eingebunden in Schulzwang und fernab allen actiongeladenen Geschehens auf einem Schwansener Eremitenhof.

Nun, was Damenbegleitung betrifft, sieht es momentan eher trist aus, denn die eine Lady hat dich gerade in die bittere Wüste geschickt, und eine Nachfolgerin ist noch nicht stabil bei dir vor Anker gegangen. Kismet.

Aber sieh dich mal um. Vielleicht erblickst du in diesem Ameisenhaufen, der die Raupe umlagert, die, auf die du schon lange ein Auge geworfen hast. Ist doch nicht ganz unwahrscheinlich. Sie wohnt schließlich vor Ort.

Sie … ist nicht da? Okay, dann nur einen Chip, zumal das begehrte Girl wahrscheinlich sowieso schon vergeben wäre. Spielt schließlich in der Oberliga.

Raupenbahn-Chip

„Ja, Chef, mir ist klar, dass mehrere Chips preisgünstiger wären**, aber im Moment nur einen einsamen Chip bitte.
Und dann wünsche ich mir noch die Trashmen mit ‚Surfin‘ Bird‘. Ham Se doch sicher im The Trashmen - Single-CoverShop.“

Er macht sich kurz von seinem Sitz hoch und blättert zwischen den schon reichlich zerfledderten Plattencovern auf einem kleinen Regal: „Klar, ham wa. Gebongt.“ Ich löhne und trotte von dannen.

Ja, du kannst dir hier auch kernige Begleitmusik zur Fahrt wünschen. Der Player läuft hier ohne Pause. Perpetuum mobile, vollgesogen mit den Perlen der Rockmusik.

Raupenbahn Steiger-BuchholzThe Rainbows - Single-CoverDie Yankees - Single-Cover

Eben wurde gerade ‚Halbstark‘ von den Yankees abgespult, und davor die Rainbows mit ‚Balla balla‘. Ware, die zum Flair der Bahn passt, rasant, oft leicht überdreht. Jedenfalls genau das, was sich die aufgeheizt balzende Teenie-Crowd rundum wünscht.

Dann beobachten unzählige Adleraugen genau, wer in welchen Wagen einsteigt. „Was, Petra faltet ihre Pracht neben Leo ins Polster? Läuft da was zwischen den beiden?“ „Sieht so aus.“ „Und Ela mit ihrer kleinen Schwester? Wo ist Sven? Ausgebremst? Abgehakt?“

Ich steige noch nicht ein. Beobachte die Szenerie. Labere mit denen, die hier mit mir zusammen in lässigem Outfit und mit etwas zu selbstbewusster Miene angetreten sind: „Ey, hör ma. Klasse Scheibe. ‚Surfin‘ Bird‘, Trashmen.“ „Hab ich mir eben gewünscht.“ „Wow, edel, echt abgefahr‘n.“

Der Typ, der gerade die Chips auf der schon anlaufenden Raupe einkassiert, springt gekonnt von Wagen zu Wagen. Ich wär wohl nicht für solche Tänzeleien geeignet. Bruder Hans hat das mal kurzzeitig mitgemacht, nach Manfred Weißleders Motto ‚Mach mal Schau‘, denn sowas wird bewundert. Du kannst Herzen damit erobern. Wenn du nicht allzu wählerisch bist.

Bin ich aber. Hab ja eins auf dem Radar. Ein anderes auch noch, was aber momentan ebenfalls außerhalb meiner Reichweite schlägt. Anderswo. Schon gekapert.

Nun klappt die Abdeckung über den Wagenkorso. Der Chef oben im Kabuff kräht in sein Mikro: „Und wieder sind wir in voller Fahrt. Und wieder unsere Kuschelrunde. Und wieder wissen wir nicht, was gerade in Wagen 15 läuft. Aber wir ahnen es. Und wieder möchten wir mit drin sitzen. Checken Sie ein, sein Sie dabei. Erleben Sie unsere Raupe!“

Raupenbahn Steiger-BuchholzRaupenbahn Steiger-Buchholz

Raupenbahn Steiger-BuchholzRaupenbahn Steiger-Buchholz

Na klar, möchte ich auch erleben, aber allein in einem Wagen? Wo soll da der Kick sein? Verdeck zu, ohne Mädchen im Arm? Öde. Kannste canceln.

So zündest du dir erstmal eine Kippe an, lachst über Kumpel Uwe, der Werbespots im Originalslang rezitieren kann und debattierst mit anderen Fachleuten über die musikhistorische Bedeutung der Kinks oder Troggs. Könntest du natürlich auch mit vollem Mund vor einer Fischbude bei einem Bratheringsbrötchen ausdiskutieren, aber da hast du ja nicht das geile Raupenambiente, die exquisite Musikuntermalung und die suchenden Blicke. Es ist dieses prickelnde Gefühl, dass hier der passende Ort für Anbahnungen ist. Falls nicht heute, dann vielleicht morgen. ‚Same procedure as every year‘ … Jahre später trifft dein älterer Bruder hier schließlich seine erste Frau. Wenn nicht hier, wo dann?

Sicher, der viel kleinere Jahrmarkt in Kappeln hat auch seine Vorteile. Das Publikum ist überschaubarer. Dort schwappt nicht das ganze Bundesland rein. Ich erinnere mich auch nicht daran, dass dort überhaupt die Raupe aufgebaut wurde. Da war der Autoscooter die angesagte Location.

Jahrmarkt Kappeln (1968)Jahrmarkt Kappeln (1968)

Die Kippenschachtel ist leer. Wieder mal. Der Verbrauch hier ist aber auch mächtig gewaltig***. Situationsbedingt. Hast du kein zartes Händchen in der Hand, glimmt es stattdessen zwischen den Fingern. Wo ist der nächste Automat? Ach da, neben der Losbude, wo du Pflanzen aus den entferntesten Teilen der Welt gewinnen kannst. Ein Kaktus The Rock-A-Teens - Single-Coverwäre angebracht. Die Lage ist grad so, etwas stachelig. Gut, dass mir die Rock-A-Teens gerade ‚Woo-Hoo‘ ins Ohr peitschen. Sowas löst.

Warum ist mir als fast Siebzehnjährigem eigentlich nicht der Erfolg der älteren Herren im Hamburger Café Keese vergönnt, denen weiblicher Kontakt nur so zufliegt? Hmmh, schnell erklärbar. Da fordern ja auch die Damen die Männer zum Tanz. Wäre auch hier im Angeliter-Land, hier an der einladenden Raupe, eine entspannende Geste: Augen suchen dich, finden deine, und schon sitzt du mit ihr im Wagen und wartest auf das heimelige Verdeck. Na gut, du hättest schnell einen zweiten Chip kaufen müssen, wie sich das eben gehört. Wäre aber auch kein Problem gewesen, denn du hast ja die Brarup-Markt-Sonderzuwendung (20 Mark) von Mutter in der Tasche. Außerdem hast du morgen Geburtstag, weshalb du heute ruhig deine Moos-Restbestände gnadenlos verballern könntest.

Und jetzt singst du wieder mit: ‚Now I love my girl and she loves me. Don’t you just know it?‘ Casey Jones und seine Governors, ‚Don’t ha ha‘. Kerl, wow, das hebt die Stimmung. Mehr davon. Peggy March, die ‚Lady Music‘. Und Alma Cogan bittet uns noch zum ‚Tennessee Waltz‘. Das komplette Wellnessprogramm mit nostalgischen Anwandlungen, praktisch kein Totalausfall auf der Setlist.

Casey Jones & The Governors - Single-CoverLittle Peggy March - Single-CoverAlma Cogan - Single-Cover

Angler Hof - Streichholzetikett

Dann kommt mir in den Sinn, dass die Raupe auf Brarup-Markt vielleicht nicht der einzige beachtenswerte Anlaufpunkt des Ortes sein sollte.

Besuche im Angler Hof sollten auch mal angedacht werden.
Da stehen doch immer Leute auf den Plakaten, die du dir gefälligst mal antun solltest, z. B. der alte Häuptling Gus Backus, die Lords und Drafi Deutscher****, möglicherweise sogar Billy Mo, der fidel behütete Tiroler oder die Blue Diamonds. Wär doch lustig, klar, aber Roy Black muss nicht sein.

Angler Hof - Veranstaltungs-Anzeigen

Noch ein Gedanke dringt aus der Tiefe meiner verborgenen Innereien ans Tageslicht. Etwas neblig, nicht so ganz klar umrissen. Ich müsste mal etwas tun für mein Image, für meine ‚Attraktivität‘. Vielleicht mal ein Klampfe kaufen, üben und eine Band gründen. So à la ‚So you wanna be a rock ‘n‘ roll star‘ von den Byrds. Das hat was, das wirkt auf die weibliche ‚Kundschaft‘. Kannst du alles in der Bravo nachlesen. Oder forsch mal nach einer zündenden Idee, die Aufmerksamkeit geradezu erzwingt. Sowas wie Uwes Einfall, einen Omo-Eimer zur Schultasche zu deklarieren. Mann, wie weit ist er seiner Zeit voraus! Wenn sowas nicht nachhaltig war, ob die Hefte und Bücher nun nach Waschpulver gestunken haben oder peng.

Nee, ich hab solche Einfälle gerade nicht parat. Vielleicht hat mir die sechste Kippe heute Abend schon kreative Zellen verklebt. Und letzten Endes will ich ja auch gar keine Kopie von jemand anders sein. Und überhaupt … ‚denk‘ nicht dabei … schadet der Illusion‘ (Hildegard Knef).

Der Chip ist immer noch nicht seiner Bestimmung zugeführt worden. Schlummert in meiner Tasche. Aber hat ja kein Verfallsdatum. Kann im nächsten Jahr wieder hervorgezaubert werden. Oder morgen?
Jetzt habe ich aber wirklich Appetit auf einen Brathering: „Wer kommt mit? Gibt’s hier sicher frisch vom Kutter.“ Die Begeisterung hält sich in Grenzen, aber zwei Ausgehungerte trotten mir nach.

Das ist es dann auch, was vom Abend übrig bleibt … der Geschmack von Fischbrötchen, gebrannten Mandeln und Kippen im Mund. Echt attraktiv…

Aber nein! Miesmacher! Absolut zu negativ. Ich war schließlich wieder dabei im quirligen Raupenmilieu, unter der vielfarbig strahlenden, blinkenden Kuppel. Und unter Kumpels. Ich hab dem immer etwas zu lauten Plattenleger andächtig gelauscht, die Hits der Stunde mitgegrölt, hab tausend Blicke schweifen lassen und war mir absolut sicher, dass sie beim nächsten Besuch auf Wohlwollen treffen werden.

Long live Brarup-Markt. Besonders die Raupe.

Fußnoten:

* Auf dieser Scheibe ist der Song der Flippers (!), der der CD den Namen verdankt.
Keiner ziehe jetzt den Schluss, dass ich an Geschmacksverirrung leide. Aber … diesen Song muss man unbedingt als Folklore durchgehen lassen. Den Song gab es damals natürlich noch gar nicht.
Ist erst in den 80’s rausgekommen.


** Den Preis erinnere ich nicht mehr. Einer zwei Mark, drei fünf?
*** … würde Egon von der Olsen-Bande sagen …
**** Drafi sehe ich später in Kappeln, die Lords in Eckernförde.

Bildquellen und Links:

7 Kommentare

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  1. Runa Borkenstein

    … dies ist ein Sonderzug nach Süder
    da fuhr’n wir alle gern hin
    zu Brarup-Markt immer wieder

    da konnten kleine Mädchen mal die großen Jungs seh’n
    statt auf dem Schulhof sie anschmachten
    an der Raupe, wie schön…

    wie lang, ach wie lange
    ja so lang ist es her
    Erinnerung blass,
    drum erfreut dies hier sehr

  2. Regina Blätz

    Wunderbar erzählt, die Einblicke in die andere sorgenvolle Seite der Flirtneulinge, Eckhard! Bei uns Mädels endete der Frust über die eigene Schüchternheit dann nicht im Fischbrötchen sondern in einem Berg von Zuckerwatte. :D

  3. Heino Küster

    Sehr schöne Geschichte, danke! Und wie immer brillant erzählt von "uns Eckehard"! ;-)

  4. Dietrich von Horn

    Wie immer wunderbar!

  5. Eckehard Tebbe

    Wow, Achim,
    großartiger Musik-Zusammenschnitt mit dem Ansager dazwischen. Passt alles fantastisch, auch das umfangreiche Bildmaterial, das du gefunden hast, absolut perfekt. Stand mir natürlich nicht zur Verfügung und hätte ich auch technisch gar nicht hingekriegt. Dazu noch die Original-Fotos vom Kappelner Markt. Keine Ahnung, wann ich da drauf gekommen bin, und dazu auch noch mit der lieben Brunhilde. Du hast wahrhaftig Schätze in deinem Archiv, die ideal in meine Erinnerungen passen. Danke für die fantastische Arbeit. So long, rock on …

  6. Katr!n Wummel

    Kult! Da kann die Wies'n einpacken! Und für das "Gesinde" gab es früher extra Geld für den "Heiratsmarkt". Wir haben uns immer mit den Grünholzern (Angeln) im Flens-Zelt getroffen. Prima-Beitrag … viele Erinnerungen!!!

  7. Michaela Fiering

    Da meine Oma, bei der ich aufgewachsen bin, die totale Jahrmarktgängerin war, bin ich, seit ich denken kann auf dem Brarup Markt gewesen.
    Als ich 10 Jahre alt war zogen wir direkt an den Marktplatz.
    Das war natürlich dann, als ich etwas älter war, das, was sich wohl jeder Jugendliche gewünscht hätte.

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