Aug 13 2018

Kappuzzle® 529 – Dr. Bürgin

Dieses Kappuzzle® zeigt eine bedeutende Kappelner Persönlichkeit, die viele von uns eigentlich noch kennen müssten.

Dr. Hans Bürgin

Kappuzzle® 529

Dr. Bürgin wurde erkannt bzw. erraten von Konrad Reinhardt, Holger Petersen, Runa Borkenstein, Sabine Brunckhorst-Klein, Heino Küster, Katr!n Wummel und Regina Blätz.

Abi 1966 – Dr. Hans Bürgin (OIs), Dieter Rackow (OIm)

Klaus-Harms-Schule – Abitur (März) 1966
Klassenlehrer: Oberstudienrat Dr. Hans Bürgin (OIs), Studienassessor Dieter Rackow (OIm)

Oberstudienrat Dr. Hans Bürgin

* 16.05.1904    † 25.01.1977
Klaus-Harms-Schule: 1933-1969
Fächer: Englisch, Geschichte sowie Deutsch und (bis Mitte der 50er-Jahre) Sport

Viele von uns kennen Dr. Bürgin noch als Lehrer an der Klaus-Harms-Schule. Von 1939 bis 1949 leitete er das Schülerheim der Klaus-Harms-Schule in der Mühlenstraße, war nach 1945 Vorsitzender des Personalrats der Schule und verwaltete ab 1958 die Lehrerbücherei.

Noch umfassender war sein ehrenamtliches Engagement außerhalb der Schule. Seit 1938 war er im Vorstand des Arnisser Segelclubs, in den 50er-Jahren saß er im Kappelner Stadtrat als Mitglied im Jugend-, später im Kulturausschusses, und von 1956 bis 1964 leitete er die Volkshochschule Kappeln. Außerdem war er von 1947 bis 1955 Vorsitzender des TSV Kappeln.

Einen besonders großen Bekanntheitsgrad über die Schule und über Kappeln hinaus erlangte er als Verfasser des „Kappler Heimatspiels“ 1951.

Nichts von alledem jedoch ist der Grund, weshalb ich ihn hier als Rätselthema ausgewählt habe.

Was nämlich am wenigsten bekannt ist, ist seine langjährige akribische Forschungsarbeit, die er dem Werk eines unserer bedeutendsten, damals noch lebenden Schriftsteller widmete: Thomas Mann. Seine Veröffentlichungen auf diesem Gebiert machten Dr. Bürgin zu einem weltweit anerkannten Literaturhistoriker.

Aus diesem Grund hat seine Person auch ihren Platz gefunden in dem bemerkenswerten Werk Biografien der Landschaft Angeln von Berthold Hamer*.

Hier eine stark gekürzte Zusammenfassung der dort von Christian Tilitzki veröffentlichten biografischen, insbes. diesen Forschungsaspekt betreffenden, Fakten.

»Hans Bürgin

besuchte die Oberrealschule des Lübecker Katharineums. Nach dem Abitur 1923 Studium der Geschichte, Anglistik und Germanistik … Promotion zum Dr. phil. 1928, Juni 1929 erstes Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen … August 1931 legte er das Zweite Staatsexamen ab, dem am 1 Oktober die Ernennung zum Landesbeamten folgte.

Als Historiker war Bürgin ein Schüler des 1923 nach Kiel berufenen Friedrich Wolters, der zum engsten Kreis um Stefan George zählte… In Heidelberg hatte Bürgin zudem im Sommersemester 1925 bei Friedrich Gundulf gehört, einem langjährigen Jünger des „Meisters“ George, und in Kiel saß er im Seminar Carl Petersens, des neben Wolters zweiten „Georgianers“ unter den Kieler Historikern.

Offenbar hat ihn dieser Einfluss aber nicht aus dem Kraftfeld eines anderen zeitgenössischen Schriftstellers herausgezogen, der als Antipode des George-Kreises gelten konnte: Thomas Mann (1875-1955), dessen Werk ihn seit einer öffentlichen Lesung des Dichters in Lübeck faszinierte, die er während der „Nordischen Woche“ im September 1921 als Unterprimaner besucht hatte.

Schon kurz [nach seiner Promotion] 1928 … richtete Bürgin 1929 eine Anfrage an seinen berühmten Lübecker Landsmann mit dem Angebot, eine Bibliografie seiner Publikationen erstellen zu wollen. Diesen Plan setzte er in die Tat um und sammelte selbst nach 1933, als Thomas Mann emigrieren musste, auch dessen im Ausland publizierten Gelegenheitsarbeiten. Erst als „die Bibliotheken sich mehr und mehr meinen Bücherwünschen verschlossen“, brach der junge Bibliograf sein Unternehmen ab …

Nach Kappeln, wo er an der Klaus-Harms-Schule für einige Wochen im Sommer 1929 bereits seinen Referendardienst versehen hatte, zog Bürgin zu Ostern 1933 eher ungern. Eine Assessorstelle in Altona mit der Nähe der Hamburger Universitätsbibliothek hätte seinen wissenschaftlichen Neigungen mehr entsprochen…

Unmittelbar nach Rückkehr aus der Gefangenschaft schrieb Bürgin im Frühjahr 1946 dem in Kalifornien Iebenden Thomas Mann, um die Wiederaufnahme der bibliografischen Sammelarbeit autorisieren zu lassen. In diesen Nachkriegsjahren veröffentlichte er zudem mehrere Zeitschriften- und Presseartikel, in denen es darum ging, die Aufmerksamkeit des deutschen Lesepublikums wieder auf den Dichter und sein im Exil entstandenes literarisches Werk zu lenken. Bis 1955 mit Thomas Mann, dem die ihm bereiteten „bibliografischen Beschwerlichkeiten“ wenig behagten, korrespondierend, dann unterstützt von der Familie Mann, von der Internationale der Mann-Forscher, Sammler und Bewunderer, schließlich von dem 1956 gegründeten Züricher Thomas-Mann-Archiv gelang es Bürgin 1959, gemeinsam mit Walter A. Reichart (Wisconsin) und Erich Neumann (Ost-Berlin), mit der für Jahrzehnte maßgeblichen Bibliografie „Das Werk Thomas Manns“ dem Dichter ein „dauerhaftes Denkmal“ zu errichten.

Zum fünften Todestag Manns am 12. August 1960 konnte er als federführender Mitherausgeber die erste bundesdeutsche Ausgabe der zwölfbändigen „Gesammelten Werke“ vorlegen, die bis 2002, als die „Große kommentierte Frankfurter Ausgabe“ zu erscheinen begann, die „Basis der weltwelten „Thomas-Mann-Forschung“ bildete, die Bürgin 1974 zusammen mit Peter de Mendelssohn noch verbreiterte, als er einen tausendseitigen Band XIII mit teils unveröffentlichten „Nachträgen“ folgen ließ…

1962 verkaufte Bürgin, der in seiner Etagenwohnung in der Flensburger Straße 10 in Kappeln nur mit Mühe die große Arbeitsbibliothek unterbringen konnte, einen Teil seiner Sammlung mit Zeitschriften, die Originalbeiträge Manns enthielten, sowie Nachdrucke und Zeitungsaufsätze über den Dichter ans Züricher Archiv. Dessen Leitung wollte Bürgin 1962 … sogar selbst übernehmen, als er, da seine wissenschaftlichen Ambitionen mit den Lehrerverpflichtungen immer weniger zu vereinbaren waren … Da der Posten aber an die Schweizer Staatsbürgerschaft gebunden war, kam Bürgin nicht zum Zuge, und Hans Wysling stand dem Archiv in Zürich dann von 1962 bis 1993 vor. Wysling wiederum konsultierte Bürgin in zahllosen Fällen für die eigenen Mann-Forschungen.

Eine noch intensivere Zusammenarbeit ergab sich für Bürgin mit dem Thomas-Mann-Sammler Dr. Hans-Otto Mayer, dem Inhaber der renommierten Schrobdorff’schen Buchhandlung in der Düsseldorfer Königsallee. Mit Mayer stellte er eine „rekonstruierte Autobiografie“ unter dem Titel „Thomas Mann. Eine Chronik seines Lebens“ (1965) zusammen, die international auf breites Interesse stieß, ins Amerikanische und Japanische übersetzt und als „Meilenstein“ der Forschung und „fundamentales Werk“ begrüßt wurde. Als unentbehrliches Hilfsmittel gelobt, waren davon bereits 1967 knapp 4000 Exemplare verkauft.

Den krönenden Abschluss seiner Forschungen nahm Bürgin jedoch in Angriff, als er schon auf die Pensionierung zusteuerte. Abermals suchte er dabei die Zusammenarbeit mit Mayer. Die beiden Mann-Enthusiasten entschlossen sich 1965 zu dem Wagnis einer Erfassung aller in Archiven oder Privatbesitz in Europa und den USA aufbewahrten Briefe des „Zauberers“…

Ohne finanzielle Unterstützung durch den Staat oder große Stiftungen ließen sie sich auf ein „Mammutwerk“ ein, dem sich der geschäftlich beanspruchte Mayer und der Oberstudienrat Bürgin – bis zu seiner Pensionierung im Sommer 1969 – nur in ihrer Freizeit widmen konnten. Kein Wunder, dass sie bald das Gefühl beschlich, sie würden über ihr Projekt „beide hinwegsterben“…

Ferner kämpfte Bürgin im abgelegenen Kappeln mit den Problemen der Literaturbeschaffung, obwohl er die „Fernleihe über unsere hiesige Kreisbücherei über Gebühr“ nutzte …

Bürgin war zudem neben der entsagungsvollen Erfassung der Briefe … bis 1968 mit einer achtbändigen Taschenbuchausgabe der Essays Thomas Manns sowie mit dem erwähnten Band XIII der „Gesammelten Werke“ beschäftigt…

Im Januar 1976 erkrankte Bürgin schwer, musste zehn Wochen in der Ostseeklinik Damp verbringen, kehrte dann aber schaffensfreudig an den Schreibtisch zurück. Unerwartet erlag er am 25. Januar 1977 einem Herzversagen, sodass er die im Herbst 1977 erfolgte Auslieferung des ersten Bandes der „Regesten und Register“ zu Thomas Manns „Briefwerk“ nicht mehr erlebte…«

* Berthold Hamer (Herausgeber), Biografien der Landschaft Angeln, 2 Bände, 872 Seiten
Verlag: Husum Druck- und Verlagsgesellschaft (September 2007)
ISBN: 978-3898763394, nur antiquarisch verfügbar

Aug 13 2018

Die Lagerschule Ellenberg

Bericht
über die Lagerschule „Ellenberg“
Kreis Eckernförde
von Martin Schmidt, Lehrer, 1950

Flüchtlingslager „Ellenberg“

Als 1945 der große Zusammenbruch kam, waren Hunderttausende deutscher Brüder und Schwestern aus dem Osten von Haus und Hof, Heim und Herd vertrieben. Der Westen mußte diese armen Vertriebenen aufnehmen. So kamen auch große Scharen der Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein. Wohin nun mit dieser großen Menge Heimatloser? Städte und Dörfer alleine reichten nicht aus, solche Massen unterzubringen, so griff die Landesregierung zu allem, was zur Behebung der Not geeignet war. Es befanden sich ja in ihrem Bereich Kasernen und manche Läger des Heeres.

In „Ellenberg“ bei Kappeln war auch so ein Lager, von dem obige Aufnahme einen Ausschnitt darstellt. Es war ein Lager des ehemaligen Arbeitsdienstes, diente dann später der Marine zu Ausbildungszwecken. Nach dem Zusammenbruch zogen für kurze Zeit die Engländer in das Lager ein und dann folgten Polen. Nachdem die Polen umgesiedelt waren, diente das Lager zur Aufnahme von deutschen Flüchtlingen. Im Laufe der Zeit wurden hier etwa 800 Heimatlose untergebracht. Noch 1948 war es so, daß z.Tl. mehrere Familien einen Raum teilen mußten. Eine große Zahl der Baracken war unbewohnbar, der andere Teil in trostlosem Zustand. Furchtbare Enge war die Folge. Wilde Ehen und sonstige moralische Auswüchse blieben nicht aus, Zank und Streitereien waren die Tagesordnung. Alles das sahen die Kinder mit an, die schon auf der Flucht viel gesehen hatten, was sonst dem kindlichen Geist, Auge und Ohr verborgen bleibt. Sie waren ihrem Alter weit voraus – frühreif.

Wie waren nun für diese Schar unglücklicher Menschen die Schulverhältnisse?

Anfangs war im Lager selbst keine Schule. Einige Eltern, die noch Interesse daran hatten, daß ihre Kinder etwas lernten, schickten ihre Kinder nach Kappeln oder nach Loitmark zur Schule. Das war natürlich nur eine kleine Zahl, die Mehrheit bummelte. Bei schlechtem Wetter war auch das unmöglich, fehlte es doch allen Familien an Schuhzeug and sonstiger Kleidung. Solche Verhältnisse durften kein Dauerzustand bleiben.

Die Lagerschule

In der abgebildeten Baracke wurde dann im Oktober 1946 für die Kinder des Lagers eine eigene Schule eröffnet. Ein Schulhelfer wurde mit ihrer Leitung beauftragt. Die erste Schulzeit bis Weihnachten muß geradezu trostlos gewesen sein. Die Baracke hatte anfangs nur 3 Wände, Inventar war nicht vorbanden, die Fenster herausgebrochen, das Dach undicht. Nun hat der Schulhelfer gearbeitet, d.h. organisiert, erbettelt, besorgt und genommen. Er beschaffte die 4. Wand, nagelte aus Brettern Tische und Bänke zusammen und begann nach Weihnachten den Unterricht. Für ihn selbst war keine Unterkunft vorhanden, er schlief deshalb etwa 6 Wochen hindurch im Lagerbüro auf dem Tisch. Keiner kümmerte sich um ihn, da alle mit sich selbst zu tun hatten! Er wäre wohl fast umgekommen, erfroren, verhungert, wenn nicht ab und zu mitleidige Seelen ihre eigene Not mit ihm geteilt hätten. Schließlich gelang es ihm, soviel Bretter heranzuschaffen, daß er sich an einen Ende der Schulbaracke einen eigenen Schlafraum abkleiden konnte. 12×8 qm dienten als Klassenraum. 164 Kinder waren zu betreuen und die alleine von nur einem Schulhelfer.

Heizung – die Lagerverwaltung gab nur sehr sehr wenig – wurde dadurch beschafft, daß jedes der Kinder am Tage ein Stück Holz oder Torf mitbrachte. Der Raum wurde dadurch im günstigsten Falle auf 3° erwärmt. Unterricht ließ sich dabei nicht erteilen, es wurden nur Aufgaben verteilt, am nächsten Tage nachgesehen und die Kinder mit neuen Aufgaben versorgt und entlassen. Unter kümmerlichen Verhältnissen wurden die Schulaufgaben im Barackenraum der Eltern erledigt. Werfen wir einen Blick in einen solchen Raum.

Barackenraum einer 6köpfigen Familie

Dieser Raum – 12 qm – dient einer 6köpfigen Familie als Wohn-, Schlaf-, Küchen- und Arbeitsraum zugleich. Mit einem Taschenmesser und Hobel als einzigstem Werkzeug fertigte der Vater – ein arbeitsloser Melker – die notwendigsten Hausratsgegenstände (Hocker, Bänke, Tische, Bett und Schrank). Während die Mutter auf dem Tisch die wenigen Teller und Tassen abwäscht und spült, müssen die Kinder dort ihre Schularbeiten erledigen. Auf einem Hocker sitzend, das Heft auf den Knien, ist die kleine Schwester in ihre Arbeit vertieft.

So lief der Schulbetrieb hier bis Ostern 1947. Im Januar 1947 wurde mir die Lehrerstelle an der Lagerschule übertragen. Eine Wohnung war nicht vorhanden. Man versprach mir, für eine Unterkunft zu sorgen. Nach 4 Wochen war es so weit. Wie sah aber nun dieses Obdach aus? Für Menschen einfach unwürdig. Es war wohl – ein großer Vorteil – eine einzelne Baracke, sie hatte 3 Räume, Zementfußboden. Die Fenster aber waren mit Rahmen gestohlen, es regnete überall durch. Dreck, nicht Schmutz, lag in allen Räumen. Eine ganze Fuhre voll mußte erst hinausgeschafft werden. Ich konnte es nicht verantworten, meiner Familie und meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, hatten wir doch jeder nur das Zeug, das er auf dem Leibe trug, gerettet. Für die Nacht kam für jeden noch eine Schlafdecke hinzu. Wir waren wohl die ärmsten Menschen im Lager, wir hatten alles verloren, kein Bett, nichts besaßen wir. Wären wir sofort zugezogen, wir wären gewiß erfroren. Am 1. April 1947 zogen wir hier zu. Am 1. Ostertage riß der Sturm die halbe Giebelwand um, ich richtete sie wieder auf, doch blieb ein Riß von 20 cm. Am 29. April riß der Sturm den ganzen Giebel um. Bald stand das Wasser 5 cm hoch in den Räumen. Bei strömendem Regen wurde umgezogen.

Der Unterricht wurde von Ostern 1947 von 2 Lehrern erteilt. Da nur ein Klassenraum vorhanden war, wurde vor- und nachmittags unterrichtet. Jede Woche wurde gewechselt. Eine Qual waren die Unterrichtsnachmittage an heißen Tagen, trotz geöffneter Fenster und Türen stieg die Hitze im Klassenraum oft auf 35°. Reich fühlten wir ans schon, als uns für 180 Schüler 10 Brettertische und 20 Bänke zur Verfügung standen. Jedes Fleckchen im Raum war eng bestellt und Kinder wie auch Lehrer mußten über Tische und Bänke hinwegturnen, um an ihren Platz zu gelangen. Die dichtgedrängte Fülle im Raum veranschaulicht das nächste Bild.

Blick in den dichtgefüllten Klassenraum

Erschwerend für den Gang des Unterrichtes ist die Tatsache, daß Lehrern wie auch Schülern kein Lehr- und Lernbuch zur Verfügung steht. Es gibt kein Lese-, kein Rechenbuch, keinen Atlas, kein Schreibheft. Es ist eine Freude zu merken, daß trotz aller Mängel doch noch etwas erreicht wird.

Ostern 1948 kam der zweite Lehrer, Pfingsten der dritte Lehrer ins Lager. Nur einer fand in den Baracken Unterkunft, der andere wohnt außerhalb und hat alle Tage einen Weg von etwa 20 km.

Das Lager „Ellenberg“ ist ein reines Flüchtlingslager, seine Bewohner haben z.Tl. alles verloren. Nur wenige besitzen noch eine Uhr. Einen alten Wecker erhielt ich als Geschenk. Er geht ungenau und wird täglich nach dem Tuten der Nestlewerke oder nach dem Einlaufen der Kleinbahn gestellt. Damit der Unterricht einigermaßen pünktlich beginnen kann, läute ich jeden Morgen 1/2 Stunde vor Unterrichtsbeginn – es ist das Zeichen zum Aufstehen der Langschläfer – und zum Unterrichtsbeginn die Lagerglocke. Diese kleine Belastung hat sich gut bewährt.

Die Zahl der Arbeitslosen ist im Lager noch ziemlich hoch, obwohl eine große Menge der Bewohner in Kappeln in Arbeit steht. 2 Betriebe sind es besonders, die die Lagerbewohner mit Arbeit versorgen: das Bekleidungswerk Liening und die Nestlewerke. Im Lager selbst beschäftigt die Fischindustrie etwa 30-40 Frauen. Flüchtlingsfischer aus Hela, von der Kurischen Nehrung usw. fanden im Lager Unterkunft, sie versorgen die Industrie täglch mit frischen Fischen. In allen Baracken herrscht auch heute noch die allergrößte Not, die noch einmal das nächste Bild zum Ausdruck bringt. Auf Schemeln, Hockern, ausgedienten Milchkannen hocken die Schulkinder, um auf selbstgezimmerten Tischen oder Schränken ihre täglichen Schularbeiten anzufertigen. In den verhärmten Gesichtern der Mütter und Väter prägt sich die durchstandene und noch andauernde Not.

Blick in einen Küchenraum, 3½ qm

Im Sommer 1949 besuchten mich einige Herren der Notgemeinschaft aus Kiel. Sie besahen unsere Schulverhältnisse und erkundigten sich nach ev. Wünschen. Hilfe wurde versprochen, dann wurde es eine zeitlang still. Am 6. Januar 1950 kam dann nachträglich der Weihnachtsmann – ein großer Tag für unsere Schule. Eine Wandtafel, 1 Schrank, 1 Rechenmaschine, 2 Tische, 2 Stühle, Bälle, 2 Sprungständer, Bandmaß, Lineal, Zirkel, Winkelmesser, viele Hefte, Lese- und Rechenbücher und andere Sachen wurden uns geschenkt. Im Herbst 1950 ging dann auch der Wunsch nach neuen Schulbänken in Erfüllung. Es waren zwar keine neuen Bänke, sie waren aber noch gut erhalten. Wir ließen sie gründlich überholen und konnten damit den inzwischen abgeteilten 2. Klassenraum ausstatten.

Letzter Blick in den Klassenraum

Was ich bisher schilderte, ist nur ein kleiner Teil des tatsächlich Erlebten. Früher nahm ich an, daß solche Sachen nur in den Gehirnen von Schreibern schlechter Romane entspringen könnten. Heute nach 4 Jahren Lagerlebens weiß ich, daß ich solche Romane teilweise miterlebt habe.

Wenn ich nun zum Schluß noch ganz kurz die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleiche, so kann ich das mit einem Satze abtun:

Es ist schon viel besser geworden!

Wir hoffen, daß die Besserung weiter anhält, daß jeder Lagerbewohner seine feste Heimat findet und, so Gott es will, daß es seine alte Heimat ist.

Martin Schmidt, Lehrer.

Aug 09 2018

Bilderrätsel Nr. 469 – Lagerschule Ellenberg

In welcher Schule wurde dieses Foto aufgenommen?

Bilderrätsel Nr. 469

Wie Heino Küster, Regina Blätz, Michaela Fiering, Konrad Reinhardt und Maren Sievers richtig vermutet haben, zeigt das Foto eine Baracke in Ellenberg-Lager Ende der 40er Jahre, genauer gesagt: den Klassenraum der damaligen Lagerschule.

Alle abgebildeten Kinder und Jugendlichen wie auch der Lehrer sind Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten.

Martin Schmidt – so hieß der Lehrer – hat Ende 1950 einen Bericht über die dortigen Nachkriegs-Verhältnisse verfasst, der über Jahrzehnte verschollen war und erst 2016 wieder aufgetaucht ist.

Es handelt sich dabei um ein erschütterndes Zeitdokument, das einige Aspekte der Flüchtlingssituation im Raum Kappeln in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt, als zumindest ich sie mir bis dahin vorgestellt hatte.

Ich selbst kann mich – zumindest bruchstückhaft – an das Barackenlager am Hüholzweg zu Beginn der 50er-Jahre erinnern, wo nach der Flucht aus Ostpreußen 1945 meine Großmutter (Jahrgang 1894) mit ihrer 22-jährigen Tochter untergekommen war. Nachdem mein Vater 17-jährig im Februar 1946 aus britischer Gefangenschaft entlassen worden war, lebte auch er dort bis zu seiner Heirat im Juli 1949. Schließlich kehrte im November 1949 dann mein Großvater aus russischer Gefangenschaft heim. Bis zur Heirat meiner Tante 1950 mussten sich also die meiste Zeit drei Personen den einen Barackenraum teilen, als Küche, Schlaf- und Wohnzimmer, mit Laken oder – soweit vorhanden und nicht anderweitig benötigt – Wolldecken als Raumteiler.

Es wurde später nicht viel über diese Zeit gesprochen, weder jammernd noch verklärend, aber nach meiner persönlichen Erinnerung war es dort, als nur noch meine Großeltern dort wohnten, immer ordentlich und sauber. Es gab zu Essen und geheizt werden konnte auch, es war einfach nur beengt und die Nachbarn wohnten nur eine Bretterwand entfernt. Es wurde meistens gedämpft gesprochen, früh schlafengegangen und früh aufgestanden, um das Nötigste zu besorgen wie Brennholz, Früchte, Pilze und Kräuter aus dem nahegelegenen Hüholz.

Die Verhältnisse im Barackenlager in Ellenberg, wie sie der Lehrer Martin Schmidt beschreibt, klingen dagegen geradezu verheerend und wirklich menschenunwürdig. Armut, Not und Elend und kaum Hilfe von außen. Zwar fand eine Reihe von Flüchtlingen Arbeit bei Liening und der Nestle, aber ansonsten war die Stadt Kappeln damals nicht „zuständig“, denn Ellenberg gehörte zum Kreis Eckernförde.

Statt dieses einmalige Zeitzeugnis hier einfach an die Lösung anzuhängen, veröffentliche ich es nach sorgfältiger Aufbereitung als eigenen Beitrag.

Aug 08 2018

Heimatkunde 1958

Heimatkunde 1958

Erster Eintrag in meinem Heimatkundebuch aus dem 3. Grundschuljahr 1958/59

Aug 07 2018

Europatag 1968

Vor 50 Jahren

Fast vergessen … dieser Beitrag für den Schlei-Boten vom 7. Mai 1968 von Manfred Rakoschek.

Klaus-Harms-Schule - Europatag - Foto: Manfred Rakoschek (5. Mai 1968)

Aug 06 2018

Kappuzzle® 528 – Fahrradunterstand

Nachdem sich zur Wochenmitte ein (vorläufiges?) Ende der diesjährigen Hitzeperiode abzeichnet, starte ich mal neues Rätsel.

Das Kappuzzle® zeigt einen Bildausschnitt aus einem Foto aus den Sechzigern, das hier schon einmal ganz zu sehen war.

Wo sind wir?

Fahrradunterstand | Raucherecke

Kappuzzle® 528

Das komplette Foto habe ich euch 2011 schon einmal als Bilderrätsel Nr. 14 präsentiert.

Klaus-Harms-Schule - Foto: Manfred Rakoschek (1966)

Wir sehen den unteren Schulzugang beim Neubau der Klaus-Harms-Schule. Rechts neben der Treppe die Fahrradrampe, hinter der Bank der Fahrradunterstand, der auch als „Raucherecke“ diente, und hinten links die Hausmeisterwohnung von Johannes Mohr.

Richtig getippt haben Heino Küster, Holger Petersen, Sabine Brunckhorst-Klein und Runa Borkenstein.

Jul 31 2018

I Don’t Want Your Millions, Mister

Zur Überbrückung der immer länger werdenden Sommerpause ein bisschen Pausenmusik – fast genauso heiß, denn es wieder einmal um Amerika.

Der Text dieses Liedes stammt von Jim Garland. Er schrieb ihn in den 1930er-Jahren auf eine alte amerikanische Volksliedmelodie – wohl auch ein Grund, weshalb das Lied von Millionen amerikanischer Arbeiter gesungen wurde.

Als ich diesen Text in dem von Perry Friedman 1962 herausgegebenen Buch „Hör zu, Mister Bilbo!“ mit Liedern aus der amerikanischen Arbeiterbewegung 1860–1950 entdeckte, war mir gar nicht bewusst, dass ich ihn schon mal gehört hatte, und zwar von Pete Seeger.

Im Nachhinein könnte man sagen, welch ein Frevel, was ich daraus gemacht habe, but those were the days …

Play it loud!

I Don’t Want Your Millions, Mister

Text: Jim Garland (1930er)
Musik: Achim Gutzeit (1979)

 

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